15.07.2019

Briefe



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ID: 22876 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 15.02.1890 bis: 28.02.1890
 

Wien, Ende Februar 1890. [?]

Liebe Clara,

wenn es noch wahr klingen soll, muß ich es endlich sagen, daß Dein letzter Brief sehr zu rechter Zeit kam und mir eine höchst nötige Freude und Beruhigung war.

Ich hatte schon von Deinem Unwohlsein gehört, und wenn ich gleich nicht ängstlicher Natur bin, verlangte mich doch immer herzlicher nach Nachricht, die gute aber erfreute mich als etwas ganz sicher Erwartetes.

Von hier gibt's nicht viel zu erzählen; aber einiges. Frankfurt haben wir ja gehabt! Frl. Spies hat höchst unnützerweise versucht, Protektion zu üben. Zuerst, indem sie ein Lied von S. sang, und zwar als Schlussnummer. Die Leute ließen es aber so energisch fallen, daß sie sich erst nach einer Weile besonnen und die hergebrachte Zugabe verlangten. Für ein zweites Konzert aber kam N. extra an, spielte ein paar Stücklein, und zwar in seiner sonderbaren knabenhaften Art. Alles gut, gemütlich und in Ordnung. Heute gibt Frl. Barbi ihr letztes Konzert. Wenn diese Dir einmal vorkommen sollte, so verschaffe Dir ja das Vergnügen ihrer Bekanntschaft und laß Dir im Zimmer vorsingen, von ihren schönen italienischen Sachen und auch deutsche Lieder,

[Notenbeispiel, Text: "Mutter, Mutter"]

zum Beispiel kannst Du nicht schöner hören.

Ich bin neulich in den Besitz eines Albumblattes von Dir gekommen! Im Jahre 1880 mußt du jemandem ein sehr hübsches, zierliches Skizzenblatt vom "Vogel als Prophet" geschenkt haben. Erinnerst Du Dich vielleicht, wem? Du hast eigentlich nicht viel so hübsche Sachen zum Verschenken. - Soll ich Dir dies Blatt schicken? Mir ist es nicht so wertvoll wie manches andere, was ich habe, und Du wirst manchmal wünschen, über derartiges verfügen zu können.

Die Davidsbündler könnte ich Dir auch anbieten - aber nur, wenn Du selbst oder Deine Töchter sie zu besitzen wünschen! Es ist mir leid, daß Du statt der Festsprüche nicht die anderen Motetten gehört hast. Nächstens kommen sie übrigens alle bei Dir an! Machst Du etwa für diesen Frühling wieder italienische Pläne? Ich lese bedenklich viel dahin zeigende Bücher.

Nun wünsche ich, daß Du wieder recht behaglich Deine gewohnten Spaziergänge machst, und grüße das ganze liebe Haus recht von Herzen!

Ganz Dein

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
  Absendeort: [Wien ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 

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