15.07.2019

Briefe



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ID: 22878 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 01.05.1890
 

Wien, den 1. Mai 1890.

Liebe Clara,

ich habe so eine leise Ahnung, als ob Du allernächstens einen Briefbogen vor Dich hinlegst und anfängst: Lieber Johannes. Für den Fall möchte ich recht schön gebeten haben, daß Du dann allsogleich von besseren, angenehmeren und erfreulicheren Sachen schreiben mögest, namentlich aber erzähle mir, wie es Dir geht, wie es in Baden-Baden war, und was Ihr für den Sommer für Pläne habt!

Meine kurze, italienische Reise war, wie gewöhnlich, sehr schön.

Bei lieblichstem Frühjahrswetter spazierten wir höchst behaglich am Garda- und Comersee und in einer ganzen Anzahl köstlicher Städte herum. Bergamo, Brescia, Piacenza, Como, Parma, Cremona, Padua, Vicenza, Verona - wie mir so die Namen einfallen.

Uns beiden lauter Bekanntes, und in jeder Stadt waren wir überrascht über Unerwartetes und entzückt von wieder Gesehenem.

Mein Regenschirm flog in den Comersee - aber auf der ganzen Reise hatten wir keinen Regen, nur bisweilen nachts wurde ein wenig aufgespritzt.

Auf der ganzen Reise waren wir in keinem Hotel, immer in höchst behaglichen italienischen Albergo, das wir jeden Tag und in jeder Beziehung zu loben hatten, namentlich auch die großen Betten, in denen man spazieren schlafen konnte.

Von allem Herrlichen, das wir gesehen, mag ich nicht erst anfangen. Vielleicht hast Du das Buch von Widmann gekriegt, das ich Dir schickte, und hast Lust gefunden, darin zu lesen, dann hast Du auch beiläufig von der heurigen Reise eine Vorstellung.

Also, liebe Clara, das Kuvert gilt als Gratulation, im Brief aber erzähle mir, ob Du in Baden recht schön spazieren gehen konntest, und daß es Dir jetzt allervortrefflichst geht.

Daß Maszkowski nach Breslau kommt, weißt Du wohl, und eine ganze Serie neuer Herzogenbergs hast Du und bekommst Du wohl. Wie gern freute man sich mehr über das enorme Anschwellen dieser Opera. Es geht nicht, denn wenn man den Fleiß u. a. noch so sehr überschätzte - einen Tropfen Blut!

Herzlichste Grüße von

Deinem

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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