15.07.2019

Briefe



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ID: 22889 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 15.03.1891
 

Meiningen, den 15. März 1891.

Liebe Clara,

Dein Brief war mir eine gar schöne und liebe Überraschung! Daß Du meine Haydn-Variationen gespielt, daß sie bis zum d. c. gefallen, und am allerschönsten, daß sie Dir so ans Herz gegangen - das mußte ich gleich öfter hintereinander mit Wonne lesen. Dem Stück gegenüber bin ich etwas schwach, und ich denke daran mit mehr Vergnügen und Genugtuung, als an viele andere. Nun aber zunächst: Du bist hier ein für allemal auf das allerherzlichste eingeladen und kannst kommen, wann und wie lange Du willst.

Ich sollte Dir jetzt ausführlichst telegrafieren, Du möchtest Dich jetzt und gleich entschließen. Ich halte das leider bei Dir und Fräulein Marie für so ganz unmöglich, daß ich nicht den Versuch mache. Sollte der Entschluß doch für die nächste Zeit möglich sein, so telegrafiere ein kurzes Wort, und ich bleibe und erwarte Dich! Du könntest ja etwa schon Donnerstag hier sein oder Sonntag oder wenn Du willst.

Unbequemlichkeiten irgendwelcher Art hast Du nicht zu fürchten (auch nicht mit Toilette), Dich fahren und Dich tragen lassen (die Treppen im Schloß), wie Du willst. Die wohltuende Liebenswürdigkeit und Behaglichkeit hier habe ich Dir genug geschrieben. Vielleicht auch entschließt Du Dich für nächste Woche? Wenn ich nicht das ganz Unglaubliche eines raschen Entschlusses höre, so denke ich Freitag früh nach Frankfurt abzufahren, könnte also ... Samstag früh eine Probe mitmachen.

Hier habe ich mir gleich den ersten Morgen eine Probe vergönnt, und zwar ganz allein. Sind die Herrschaften dabei, so heißt es Brahms und wieder Brahms. Ich aber ließ mir ein Konzert für Bläser-Quartett von Mozart und ein Konzert von Bach für 3 Violinen, 3 Bratschen und 3 Celli vorspielen! Im Theater wird heute abend (überhaupt zum ersten Mal) die griechische Tragödie Oenone von Widmann aufgeführt. Er ist auch hier als Gast des Herzogs, und schon an den Proben haben wir große Freude. Donnerstag ist Schauspiel, und deshalb denke ich vielleicht erst Freitag früh zu fahren.

Daß mir nicht das geringste daran liegt, mein Quintett in Frankfurt zu hören, sage ich Dir freilich ganz unter uns, aber es versteht sich ganz von selbst. Solltest Du also wirklich in Versuchung sein, so hast Du nur zu bedenken, was Dich angeht. Na - Märchen lese ich gern, aber glauben und hoffen tue ich so Märchenhaftes nicht. An Deinen Brief und Deine Liebe für Die Haydn-Variationen denke ich nochmals mit größter Freude, und sage herzlich, auf baldiges Wiedersehen.

Herzlichst

Dein Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Meiningen ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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