15.07.2019

Briefe



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ID: 22905 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 10.10.1891
 

Wien, den 10. Oktober 1891.

Liebe Clara,

es ist mir recht peinlich und leid, daß Dir das Erscheinen der Symphonie so unerwartet kommt, es beruhigt mich jedoch, daß Du nur vom Geschäftlichen der Sache sprichst. So sage ich denn zunächst, daß sie wohl für niemand ein Geschäft ist und auch für Dich doch nicht gut sein kann. Du hättest doch nur sehr, sehr wenig beanspruchen können, wenn Härtels auf das Unternehmen eingehen sollten. Ob Wüllner für seine sehr großen Mühen ein (jedenfalls schmales) Honorar bekommt, weiß ich nicht. Ich habe nur recht bedeutende Kosten für Abschriften gehabt, freue mich namentlich schöner Doppel-Partituren (in denen beide Lesarten Seite für Seite sich gegenüberstehen) - werde mir aber vermutlich ein Exemplar kaufen müssen, wenn ich eins haben will.

Daß das Werk in dieser Gestalt erscheinen müsse, war stets meine bestimmte Ansicht; gewußt hast Du darum und auch - jedenfalls nicht nein dazu gesagt, dessen bin ich sicher. Nur ob ich einen Beweis dafür finde, ob es schriftlich oder mündlich geschehen, das weiß ich nicht. Wenn ich Dir nicht öfter davon sprach oder schrieb und in letzter Zeit nicht, so ist der Grund einfach der, daß ich leider durchaus nicht annehmen darf, meine Empfehlung und meine Liebhaberei gelte bei Dir oder fände ein günstiges Vorurteil. Das ist nun einmal so. Ich mag keine Beweise und vor allem keinen Namen anführen, aber - wie gern hätte ich Dich auch jene schöne Doppelpartitur eingehend betrachten lassen, wäre Dein Gesicht nicht von Anfang an gar so zweifelhaft gewesen.

Erst bei Müllers Urteil warst Du beruhigt, zufrieden und die Sache für Dich erledigt. So mag ich denn auch jetzt nicht ausführlicher davon sprechen, wie sehr ich diese erste Lesart liebe und bewundere und ihr Erscheinen nötig finde. Aber über Deine, wenn auch vielleicht nur stillschweigende, nicht verneinende Zustimmung bin ich, wie gesagt, nicht in Zweifel.

Hoffentlich geht nun Deine Aufregung nur das Geschäftliche der Angelegenheit an. Daß ich dabei Dein Interesse außer acht ließ, wirst Du mir gewiß leicht verzeihen können, denn dies Interesse kann nicht schwer wiegen! Weiter wüßte ich einstweilen nichts zu sagen und grüße nur herzlichst, hoffend, es gehe mit Deinem Befinden immer besser.

Ganz Dein

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Wien ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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