15.07.2019

Briefe



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ID: 22909 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 01.05.1892 bis: 31.05.1892
 

Wien, Mai 1892.

Liebe Clara,

ich kann Dir nicht ernstlich genug danken für den Brief, der am 8. kam. Er war mir eine sehr besondere Nachfeier des 7., eine so besondere, daß ich für heute bitten muß, mit dem einfachen Dank fürlieb zu nehmen.

Es ist mir wichtiger als Dir - denn ich habe wenig, das mir wichtig wäre.

Von diesem aber Dich zu unterhalten, fühle ich nicht die Berechtigung, heute auch mir gegenüber nicht, da ich heute vor allem zu danken habe, daß Du mir den grauen Tag vergoldet hast. So denn mich und meine Angelegenheiten mit Vergnügen verlassend, erzähle ich gern von Deinen hiesigen Freunden und was Dich sonst angeht.

Falls Du es noch nicht weißt, muß Dir doch das Wichtigste sein, daß R. Pohl den Manfred nicht mehr besitzt. Er prangt auf der hiesigen Ausstellung - als Eigentum des Verlegers Fürstner in Berlin- leider- denn ich hatte sehr darauf geboten und gehofft. Jedenfalls wird es Dich freuen, daß Pohl sowohl wie Fürstner ernstlich ausgemacht haben, die Handschrift solle nicht zerteilt, nicht nach England oder Amerika verkauft werden, sondern f. Z. nach Berlin zu den übrigen Schumanniana übergehen.

Daß Du und Deine Töchter die Schule verlassen, kann ich mir gar nicht recht vorstellen. Eine Art Ausnahme- und Ehrenstellung wirst Du wohl behalten. Ich denke mir, Frl. Marie wird das gewohnte, morgendliche Geräusch mehr entbehren als Eugenie - weiß aber nicht, wen ich jetzt beleidigt habe!? Der Landgraf hat sich hier und in Pest weidlich amüsiert und wird jetzt gerade versuchen, Dich noch zu treffen und Dir zu erzählen. Frau Franz ist mit der Tochter in Rom und würde Dich auf der Rückreise gewiß gern besuchen. Wie gut es Fellingers geht, weißt Du wohl, und wie außerordentlich und großartig ihre Fabrik, ihr Geschäft und ihre Verhältnisse sich geändert haben. Ich kann nichts Genaueres erzählen, da ich nichts von der Sache verstehen und kein Gedächtnis für Zahlen und derlei habe. Aber es ist der Mühe wert, daß Du die Frau bittest, Dir doch ausführlicher von ihrer Fabrik und ihren Arbeiten zu erzählen.

Mir haben sie, trotz allen Widerspruchs, in meinem Zimmern elektrische Beleuchtung eingerichtet. Auch gesundheitlich geht es ihr doch viel besser, und ist sie gerade im Begriff, nach Misdroy zu fahren.

Du fährst in schönere Lande, und herzlich hoffe ich immer schönerer Freude entgegen.

Dein J.B.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Wien ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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