15.07.2019

Briefe



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ID: 22918 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 23.12.1892
 

Wien, den 23. Dezember 1892.

Es ist lange her, daß ich bei Dir die letzte Weihnacht feierte - aber so schön und lieb war sie mir auch nicht wieder, und das beste wird auch diesmal sein, wenn ich zurück denke, wie an jenem Abend der Baum strahlend leuchtete und alle Augen, junge und alte, dazu. Möge Dir das Fest - wie damals eines sein!

Du wirst Dich wundern: das "Schlußheft" liegt immer noch bei mir. Letzter Zeit sagte ich mir wohl, Härtels möchten zum Fest genug zu tun haben, eigentlich und ehrlich aber liegen sie nur, weil ich überhaupt so schwer zum Stechen abschicke. Bei meinen Sachen hat das seine guten Gründe. Hier nun denke ich an Dich, ob es Dir auch eine richtige Freude, ob Du etwa bloß zugegeben - ich wünschte, auch andere Deiner Freunde hätten mit- und zugeredet. Die Variationen sind doch ein merkwürdiges und unwiderstehlich bezauberndes Werk! Neulich kam ich von einer langen Gesamtprobe nach Haus, und ganz wie selbstverständlich, ohne einen besonderen Gedanken, saß ich wieder am Klavier und spielte sie mir ganz inniglich mit meinen zwei Händen vor!

Es ist, als ob man an einem schönen sanften Frühlingstag spaziert, unter Erlen, Birken und blühenden Bäumen, ein sanft rieselndes Wasser zur Seite. Man wird nicht satt zu genießen die ruhige, nicht warm, nicht kalte Luft, das sanfte Blau, das milde Grün, man denkt nicht, daß es auch Aufregung gibt, und wünscht keine dunklen Wälder und schroffen Felsen und Wasserfälle in die schöne Einförmigkeit.

Wenn man nun für die Musik extra Philisteraugen hätte, so sähe man vielleicht mit Bedenken, wie das Thema viermal im selben Tone schließt, nennte die süßen, weichen Harmonien gar süßlich, weichlich, und fürchtete, sie in den Variationen oft wiederholt zu hören. Alles vergebens! Mann taucht unter und genießt die holde Musik wie die zarte erquickende Frühlingsluft und Landschaft.

Herrgott, wenn aber jeder Briefschreiber heute Dich so lange aufhalten will, wo bleibt da die Arbeit am Christbaum! Gehe jetzt fröhlich daran, und denke auch einmal freundlich

Deines von Herzen grüßenden

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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