15.07.2019

Briefe



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ID: 22925 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 10.05.1893
 

Wien, nach dem 10. Mai 1893.[?]

Liebe Clara,

von Dir Gutes zu hören, war mir die größte Freude, als ich nach Hause kam. Gern hätte ich auch Dir alles Schöne und Fröhliche geschrieben, das ich im Überfluss zu schreiben hatte. Aber in Italien komme ich nicht zum Schreiben und hüte mich auch eigentlich davor; man liest italienische Briefe gar so schön gedruckt! Jetzt aber ich hier bin ich auch nachträglich in einem fürchterlichen Trubel geraten, und mache ich auch im allgemeinen mit Briefen und Depeschen kurzen Prozess - wenn Bürgermeister, Stadt und Universität gratulieren, muß man doch den Hut abziehen und danken. Die Gesellschaft der Musikfreunde hat gar eine schöne goldene Medaille schlagen lassen, die Dir gewiß gefallen würde. Ich selbst merke zum Glück nichts von meinem 60 Jahren - ich rechne überhaupt sehr schlecht. Auf der Reise aber war ich entschieden der Rüstigste und Ausdauerndste, stets der letzte zu Bett und erste heraus. Und meine drei Gefährten waren viel jünger: Widmann, Hegar und Rob. Freund, ein Pester, höchst liebenswürdiger gebildeter junger Mann und Klavier-Professor in Zürich.

Unsere Reise war in jeder Beziehung vollkommen zu nennen. Das Wetter unausgesetzt herrlich wie das Land und die Leute. Man fährt aber durch ganz Italien wie durch den schönsten Garten, der sich mir sehr oft zum Paradies steigert. Da steigt man denn aus und bezieht sich's näher. So wir u. a. in Neapel, Palermo, Girgenti, Syrakus, Taormina, wieder Neapel und Venedig (ich mit Freund) zum Schluß.

Nun aber, damit das vollkommen menschlich werde: gleich zu Anfang der Reise verlor ich den größten Teil meines Geldes. Fröhlich meinte ich, das sei den Göttern ein Opfer und möge ihnen genügen. Leider forderten sie mehr. Auf der Rückfahrt von Messina nach Neapel passierte Widmann ein schlimmes Malheur am Lagerraume des Dampfschiffes. Es war ein furchtbarer Augenblick, es hing nur an einem Haar (buchstäblich: er mit einem Fuß noch in einem Kettenring) - und er wäre zerschmettert hinunter geworfen worden, wir hätten seiner Frau den Leichnamen bringen können. So waren wir denn trotz des Beinbruches wie erlöst.

Er wird mit 6 Wochen durchkommen, aber freilich, wie ängstlich für künftige Reisen sein, er und erst seine Frau!

Jetzt aber muß ich mich nach andern Briefen umsehen und melde nur noch: daß der Schlußband fertig gedruckt da liegt. Sobald ich korrigiert habe, schicke ich Dir die Handschriften zurück, es war mir lieb, sie noch hier zu haben. Ich bin in Versuchung, Dir die kurze Vorrede zu schicken. Tue ich es nicht, so sage ich deshalb hier, daß sie nur Sachlich Nötiges enthält, ich mich aber mit vieler Mühe enthalten habe, nicht allerlei Schwärmendes (auch Dir) darin zu sagen. Ich finde das aber an der Stelle nicht gehörig.

Die kleine Eibenschütz war gestern da. Der junge Rottenberg ist ein netter feiner Mensch, sehr gut musikalisch und sehr begabter Dirigent.

[...]

Aber jetzt grüße ich nur auf das aller-allerherzlichste und bitte, mit dem Geplauder fürlieb zu nehmen, wie mit dem ganzen

Dich liebenden

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Wien ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 

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