15.07.2019

Briefe



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ID: 23012 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 01.08.1894 bis: 31.08.1894
 

Ischl, August 1894.

Liebe Clara,

Frl. Eugenie hat mir hoffentlich zugetraut, daß ich ihr gleich und ausführlich geschrieben hätte, wenn ich über das Transponieren-Lernen was zu sagen wüßte. Ich halte es aber vor allem für Übungs- oder Gewohnheitssache. Wer alle Tage Sänger zu begleiten hat, wird es bald lernen. Dies möchte ich denn auch vor allem empfehlen. Dann Walzer, leichte haydnsche 4händige Simphonien und derlei. Es scheint mir die Hauptsache, daß man die Sache mit Leichtigkeit und Gewandtheit traktieren lernt. Es versteht sich, daß gründliche Harmoniekenntnis auch hierfür sehr nützlich ist.

(Wie man aber jahrelang Unterricht in der Harmonielehre treiben kann, habe ich nie begriffen.)

Daß Du fortgesetzt meine lieben Lieder ansiehst, ist mir eine große Freude.

Ist Dir wohl aufgefallen, daß das letzte der Lieder in meinem Op. 1 vorkommt? Ist Dir auch etwas eingefallen dabei? Es sollte eigentlich was sagen, es sollte die Schlange vorstellen, die sich in den Schwanz beißt, also symbolisch sagen: die Geschichte sei nun aus, der Kreis geschlossen.

Aber ich weiß, was gute Vorsätze sind, und denke sie nur, sage sie mir nie laut. Diesmal wollte ich gern nach dem 60. Jahr so gescheit sein wie vor dem 20. Damals konnten mich die Hamburger Verleger durchaus nicht verführen, etwas drucken zu lassen. Kranz bot vergebens alles Geld, das ich armer Junge sonst so schwer verdienen mußte. Warum eigentlich, kann ich nicht so leicht und deutlich sagen. Mit dem 60. nun wäre höchste Zeit, aufzuhören - auch ohne besonderen Grund!!

Jedenfalls aber mache ich mir selbst nächstens ein Pläsier. Ich erwarte den Besuch des Klarinettisten Mühlfeld, und werde 2 Sonaten mit ihm probieren. Es ist also möglich, daß wir Deinen Geburtstag musikalisch begehen (ich sage nicht: feiern!). Ich wollte, Du wärst dabei, denn er bläst sehr schön. Wenn Du ein weniges in F moll und Esdur phantasierst- kommst Du wohl so beiläufig auf die Sonaten. Ich würde sie Dir schicken, spielen könntest Du sie sehr behaglich, aber die Klarinette muß transponiert werden, und das würde Dir allen Spaß verderben! So bin ich in diesem Brief denn auch glücklich wieder an den Anfang geraten, und so schließe ich denn, euch alle herzlichst grüßend.

Ganz dein

Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Ischl ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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