15.07.2019

Briefe



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ID: 23019 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 23.12.1894
 

Wien, den 23. Dezember 1894.

Liebe Clara,

in meinem Zimmer steht der Tannenbaum für die beiden netten Knaben meiner Wirtin und erinnert mich an das freundliche Fest und an die, denen ich es recht lichterhell und fröhlich wünsche. Dir tue ich das mit warmem und - leichtem Herzen. Denn, magst Du auch allerlei zu klagen haben, das bringt das Alter so mit sich: im Grunde bist Du doch heitern Gemüts und kannst Dich wie in der besten Jugend alles Schönen und Guten freuen.

Allgeyers schönes Buch wartete auch in Altenstein auf mich, und hier fand ich es zu meiner besondern Freude von ihm gesandt vor. Ich hoffe, er wird Freude an dem vortrefflichen Werk erleben. Das ist ihm umsomehr zu wünschen, als, was Du viellicht nicht weißt, Frau Feuerbach, die von ihm so hoch verehrte, sich in der letzten Zeit ganz von ihm abgewendet hatte. Nach den Gründen braucht man nicht zu fragen bei einer Frau, einer noch so vortrefflichen, hier aber einer gar so hart geprüften.

Euer Humperndinck fährt nun heute mit seiner Frau ab und hat hier wie allerorten große Freude erlebt. Seine Oper wird ganz wunderschön gegeben und hat ganz unglaublich gefallen. Nun, Du hast Dich ja auch über das Stück gefreut. Ich hörte damals nicht so darauf, weil ich am Klavierauszug nicht gerade viel Freude hatte und gewiß nicht so angenehmen Abend erwartete.

Auch ihm ist die Freude umsomehr zu gönnen - als er sie wohl nicht so oft erleben wird. Überhaupt nicht aus gewissen andern Gründen, dann aber - seine Augen leuchten genau so wie die von Hermann Götz.

Ende Januar muß ich nach Leipzig und - entsetze Dich: - und dirigiere dem d'Albert an einem Abend meine beiden Konzerte! Geschmackvoll finde ich das nicht, aber das Programm steht fest, und bei guter Laune dachte ich, es sei doch besser, ich mache mir den Spaß - der Reinecken gewiß keiner ist.

Das einzige, was mir an Eurem Weihnacht nicht recht gefällt, ist, daß ich erst im Februar komme und Frl. Eugenie dann wieder in England ist!

Euch alle von Herzen grüßend

Dein Johannes.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Wien ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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