25.02.2022

Briefe



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ID: 23085
Geschrieben am: Dienstag 07.07.1896
 

Liebes Frl. Marie.
Allerdings dachte ich bei dem was Sie in Verlegenheit setzen könnte vor Allem an Tagebücher, Briefe u. drgl. Leider weiß ich einstweilen nur das eine Wort: Vorsicht! Zunächst sorgen Sie für alle Fälle (oder den einen Fall) dafür, daß diese Sachen aus Ihrem Eigenthum mit allen Rechten in das der zweitältesten Tochter, also Elise übergehen. Dann bitte ich, geben Sie Niemandem u. nichts aus der Hand, ohne vorher mit mir oder einem anderen Freund, dem Sie wirklich ernstlich trauen können, sich berathen zu haben. Ich kann gelegentlich, dies angehend, Weiteres sagen, jedenfalls |2| aber bin ich jederzeit bereit, nach Frkfurt zu kommen, wenn Sie irgend etwas zu fragen u. zu wünschen hätten.
Ich kann mich an den Gedanken nicht gewöhnen, daß Sie Ihr Haus verlaßen u. verkaufen. Doch erbitte ich keine Auskunft deshalb, denn ich kann mir denken, wie eingehend Sie das überlegt haben. Da Sie es indeß noch haben, so versuchen Sie doch, recht frei u. flott in der Angelegenheit zu denken. Sie finden gewiß eine gute Parthei für einen Theil des Hauses u. wenn Sie auch theurer wohnen als grade nöthig, was haben Sie für Annehmlichkeiten! Der Umzug dagegen, u. bei wahrscheinlichem Wechsel (!) der doppelte – wie viel Mühe u. Kosten macht das!
Nun noch eines! Wenn Ihnen nächstens ein Heft „ernsthafter Gesänge“ zukömmt so mißverstehen Sie die Sendung nicht. |3| Abgesehen von der alten lieben Gewohnheit, in solchem Fall Ihren Namen zuerst zu schreiben, gehen die Gesänge Sie auch ganz eigentlich an.
Ich schrieb sie in der ersten Maiwoche; ähnliche Worte beschäftigten mich oft, schlimmere Nachrichten von Ihrer Mutter meinte ich nicht erwarten zu müssen – aber tief innen im Menschen spricht u. treibt oft etwas, uns fast unbewußt u. das mag wohl bisweilen als Gedicht oder Musik ertönen. Durchspielen können Sie die Gesänge nicht, weil die Worte Ihnen jetzt zu ergreifend wären.
Aber ich bitte <S> sie als ganz eigentliches Todtenopfer für Ihre geliebte Mutter anzusehen u. hinzulegen.
|4| Für Ihr so freundliches Erbieten mir ein Andenken zu überlaßen habe ich herzlichst zu danken – aber nichts zu wünschen.
Irgend ein äußeres Zeichen der Erinnerung verlangt u. wünscht wohl der Mensch, mir würde das Kleinste genügen – aber ich besitze die schönsten!
Seien Sie Alle recht von Herzen gegrüßt!
Ihr
ganz ergebner
J. Brahms.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: Ischl
  Empfänger: Schumann, Marie (1449)
Empfangsort: Frankfurt am Main
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
2312ff.

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus.Nachl. Schumann, K. 7,329
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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