15.07.2019

Briefe



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ID: 23147 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 05.05.1876
 

Berlin, den 5. Mai 1876.
11 in den Zelten.

Liebster Johannes,

da wäre ich denn wieder zu Haus, und mein erster Brief der Gruß an Dich zum siebenten Mai - wie lange nun schon, daß ich denselben immer dem Papier anvertrauen mußte, daß so kalt erscheint gegen einen wirklichen herzlichen Händedruck! Die vielen guten Wünsche für Dich zähle ich nicht auf, uns aber wünsche ich, daß Dir immer neue Kraft zum Schaffen verliehen sein möge. Wie gern wüßte ich, was Du jetzt arbeitest? Ich denke doch immer, es kommt nun 'mal eine neue Symphonie!

Für Deinen Brief neulich besten Dank! Über unsere Sommerpläne sind wir noch nicht ganz einig, doch glaube ich, daß wir wieder nach Klosters gehen - es hat mir dort gar so gut bei Florin gefallen, wo es nicht so voll war, nette Wirtsleute, schöne Spaziergänge, schöner Wald mit viel Laubholz zwischen den Tannen, wo man tagelang sitzen konnte, ohne gestört zu werden, kurz, dahin zieht es mich wieder, zudem ist die Luft herrlich. Vorher will ich auf 3 Wochen nach Kiel, die Kur zu gebrauchen zur Befestigung, dann wohl eine Woche Elise in Büdesheim besuchen, die bald von Italien zurückkehrt. So geht denn der Sommer leicht herum, und mich freut es, daß ich mir doch einen Teil der Sommerreise verdient habe, und mit leichterem Herzen ausgebe, als wenn ich zusetzen muß.

In London hatte ich noch ein Rezital, sie ließen mich nicht locker damit, und das fiel sehr gut aus; es war so voll wie noch nie eines überhaupt, und Chapell hatte außer dem Honorar an mich und allen Kosten noch an die 70 ₤ übrig. Ich spielte mit Miß Zimmermann Deine Variationen für zwei Klaviere, da habe ich wieder geschwelgt.

Denke Dir, auf der Rückreise hörte ich nach vielen Jahren 'mal wieder Liszt und war von einigen Sachen von Schubert, die er wunderschön spielte, hingerissen von seinen eigenen Sachen aber freilich nicht - ein Duo für zwei Klaviere über B.A.C.H., das war entsetzlich und nur ergötzlich, wenn er Passagen über das ganze Klavier machte. Er beherrscht es doch wie keiner - schade, daß einem dabei so wenig ruhiger Genuß beschieden ist, es ist doch immer einer dämonische Gewalt, die einen mit fortreißt. Ich habe ihn viel beobachtet, seine feine Koketterie, seine vornehme Liebenswürdigkeit etc. Die Damen waren natürlich wie verrückt mit ihm - das war widerwärtig.

Ach, wie sehnt sich doch nun wieder mein Herz nach Baden! Marie war einige Tage dort, unser Haus wieder zur Vermietung einzurichten - es ist nun auch schon bis Mitte Juni vermietet. Das kommt mir gar hart immer an. Heute abend sind wir in der Hochschule: Die Jahreszeiten - ich freue mich darauf.

Abonnierst Du Dich auf die neue Mozart-Ausgabe von Härtels? Was sagst Du zum Doktor? Da mußt Du ja wohl zur Ernennungsfeier hin, die Doktorwürde im Mantel und Federhut zu empfangen. Joachim sagte neulich, er reise dazu hin, da mußt Du es wohl auch. Das Tragen der Würde ist nun wohl bequemer und angenehmer als das Empfangen.

Ich war recht froh, Eugenie hier so viel wohler wiederzufinden, als ich sie verlassen, auch von Felix haben wir bessere Nachrichten, leider aber beunruhigt mich Ludwig sehr - er will aus der Anstalt, meint, er könne wieder selbstständig leben, woran ja nicht zu denken ist. Das ist nun eine schreckliche Sorge, wir sollen ihn immer besuchen, und das ist für mich ganz entsetzlich, macht mich elend auf Wochen. Ich soll doch nie zu einem etwas ungetrübten Lebensgenusse kommen - der Gedanke an Ludwig wirft seine tiefen Schatten über jeden Genuß, den ich haben könnte, wüßte ich ihn wenigstens zufrieden.

Nun aber geht alles zu Ende, nur nicht meine wärmsten Wünsche für Dich und meine Freundschaft, die immer die alte, treue ist.

Herzlichstes von den Kindern zum 7.

Deine Clara.

Simrocks sind in Paris.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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