15.07.2019

Briefe



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ID: 23150 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 26.10.1876
 

Düsseldorf, den 26. Oktober 1876.

Liebster Johannes,

es brennt mir auf der Seele, Dir in bezug auf die Stellung hier etwas zu sagen, und konnte noch immer nicht dazu kommen, weil ich wirklich furchtbar in Anspruch genommen und mich so schonen muß mit schreiben, hier aber niemand diktieren möchte. Ich hörte nämlich, Bitter sei zu Dir, um Dich zu bewegen, von dem Gehalt abzugehen, indem er Dir vorschlagen wollte die Musik-Gratifikation mit zu dem Gehalte zu schlagen. Da sage ich denn, lieber mit 1800 Tlr. zufrieden sein, und aber extra für das Fest 500 Tlr (das ist das stehende Honorar für Dirigenten-Größen), als mit in den Gehalt eingerechnet. Ich sagte neulich Steinmetz, ich glaube nicht, daß Du von dem Gehalte abgingest - was hast Du Bitter gesagt? Man ist in großer Aufregung hier deshalb, natürlich wünschen alle Gutgesinnten, daß es zustande komme, aber an Kabalen etc. wird es nicht fehlen, denen wirst Du jedoch die Stange bieten. Man sagt, Tausch wolle den Singverein behalten und eigne Konzerte geben. Wegen Bruch beunruhige Dich nicht mehr, er hat mir selbst gesagt, er würde die Stellung nicht annehmen, da er als Rheinländer den Verhältnissen hier zu wenig unbefangen entgegen treten würde. Ich habe ihm neulich gesagt, wie Dir die Sache um seinetwillen Skrupel gemacht habe etc.

Ich hörte neulich, von der Eisenbahn kommend, noch ein Stück Bismarck-Hymne.- Reinthaler war selbst da und grüßt Dich sehr. Auf die Symphonie sind alle sehr gespannt. Ach, könnte ich sie doch hören! Mir kommt es eine Ewigkeit vor, daß ich nichts von Dir weiß, bitte, lieber Johannes, vergiß mich nicht ganz, Du kannst Dir doch auch denken, wie jetzt meine Gedanken in doppelter Weise bei Dir weilen, wo es sich um einen doch immerhin wichtigen Schritt für Dich handelt.

Meine Kinder sind nun in Berlin - ich habe schwere Tage durchgemacht, ertrage Trennungen schwerer denn je! - Künstlerisch ist es mir aber sehr gut gegangen. Leider war der Manfred nur zum teil erfreulich, Pott hatte die Tempos von Anfang an so vergriffen, daß eigentlich fast alles verloren ging - das Stück ist doch auch gar zu wenig genießbar, es ist zu furchtbar monoton, und eigentlich auf der Bühne nur zu genießen, wo Musik dabei ist. Die Ausstattung war ausgezeichnet.

Ich gehe nun Montag in Deine Vaterstadt, mit ganz eigen wehmütigen Gefühlen stets! Sende mir ein Wort dorthin, wenn Du mich erfreuen willst. Adresse bis 5. November: 12 Averdieks Terasse, St. Georg, von da bis 8. Reinthaler, dann Berlin 11 in den Zelten.

Sei mir gegrüßt in treuer Liebe.

Deine

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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