15.07.2019

Briefe



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ID: 23170 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 06.06.1877
 

Berlin, den 6. Juni 1877.

Liebster Johannes!

Ich möchte es nicht länger aufschieben, Deine letzten zwei Briefe zu beantworten, vor allem zu danken, daher ich heute diktiere, denn sonst dauerte es noch länger, und die Dankesschuld drückt mich. Nach Deinem ersten Brief dachte ich eigentlich bei jedem Satze, nun wisse ich, was Du meinst; dann enthielt der andere Satz allemal das Gegenteil, so daß ich am Schluß wirklich ratlos war, der zweite Brief aber ließ mich klarer sehen, und ich habe nun, da ich in etwas doch an Novello gebunden war, nicht ganz entschieden mit diesem abgebrochen, ihm aber erklärt, dass ich das Engagement nur eingehen könne, wenn er mit dem Eigentumsrecht nur für England zufrieden sei. Ich habe nie anders gedacht und schrieb ihm auch, daß ich Härtels für die Gesamtausgabe meine Hilfe längst versprochen habe. Härtels schickten mir neulich Herrn Hase, und dieser meinte, ich solle Novello das Eigentumsrecht für alle Länder gestatten, mit Ausnahme ihrer Firma; das wollte mir aber nicht recht in den Kopf, und so schrieb ich Novello wie oben gesagt. Es handelt sich übrigens für letzteren nur um eine Klavier-Solo-Ausgabe. Ganz zurück kann ich kaum, aber vielleicht geht er auf meine Bedingung nicht ein - ich erwarte täglich seine Antwort, hoffe, es zerschlägt sich. Daß ich die Sache jetzt betrieb, war ja gerade, weil der Sommer die einzige Zeit ist, wo ich so etwas machen kann, während Du anzunehmen scheinst, daß ich den Winter dazu benutzen soll.

Irgendein anderes Anerbieten derart, von Petersburg oder Paris, anzunehmen, werde ich mich wohl hüten; ich habe genug Unruhe und Skrupel schon wegen dieses einen gehabt. Dein letzter Brief wird mir maßgebend sein, Härtels gegenüber....

Jetzt komme ich Dir noch mit einer Herzensangelegenheit für den fall, daß Du nach Zürich gehst. Du findest dort Felix, über dessen Stimmung, die aus seinen Briefen spricht, ich wirklich trostlos bin. Ich schrieb Dir wohl, daß er umgesattelt und jetzt Geschichte und neuere Sprachen studiert, und auch sehr damit umgeht, literarische Arbeiten herauszugeben. Ich schrieb ihm nun neulich, daß, wenn er dies täte, er es zuerst anoynm tun solle, damit er sich und uns Unannehmlichkeiten erspare, falls die Sachen nicht reüssierten, da man an ihn, mit seinem Namen von vornherein noch andere Ansprüche stelle, als an einen andern. Das scheint ihn sehr verdrossen zu haben, manches andre auch, womit ich Dich schriftlich nicht langweilen will, und nun schreibt er mir so unartige und, ich kann nicht anders sagen, liebeleere Briefe, daß ich tiefbetrübt bin. Könntest Du, wenn Du ihn sprichst, vielleicht etwas Einfluß auf ihn gewinnen, ihm seine Lebensanschauungen, die er Dir ja mitteilen wird, als ganz haltlos darstellen, und ihn zurückführen auf die Pflichten, die er doch gegen die Seinigen vor allem hat. Gehst Du nach Zürich, so schicke ich Dir seine letzten Briefe, wenn Du mir den Liebesdienst tun willst, Dich meiner in dieser großen Sorge etwas anzunehmen. Wir haben seit einigen Tagen kolossale Hitze, und ich denke, das wird Dich wohl auch halb in die Berge treiben. Gehst Du fort, so schreibe mir doch Deine Adresse. Meine Adresse bis 16. Juni hier, dann Kiel bei Herrn Etatsrat Litzmann.

Neulich suchte ich einmal nach etwas, da kam mir Deine Adur-Serenade (2händiges Arrangement) in die Hände und darin spiele ich jetzt mit großem Pläsier. Das Bachsche Presto studiere ich tüchtig und kann es ziemlich, in der Umkehrung aber noch nicht - es ist eine harte Nuß, der Kern aber doppelt und dreifach lohnend, Deine Bearbeitung so interessant, daß ich immer wieder staune; Bach selbst könnte es nicht schöner gemacht haben.

Und nun lebe wohl für heute. Hab' nochmals Dank und behalte lieb

Deine alte

Clara.

Eugenie kehrte sehr viel wohler zurück, aber sie verträgt das Klima hier gar nicht, was eine stete Sorge für mich ist.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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