15.07.2019

Briefe



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ID: 23211 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 24.10.1877 bis: 26.10.1877
 

Schwerin, den 24. Oktober 1877.

Liebster Johannes,

Wie sehr lag es mir schon längst am Herzen, Dir zu schreiben, aber ich konnte vor allerlei des Nötigsten zu erledigen nicht dazu kommen.

Die Woche in Berlin war entsetzlich für uns alle, was hatte sich da an Arbeit aufgehäuft! Vor allem aber war es die trübe Stimmung, die mich in einem Grade heimsuchte - und noch leide ich stundenweise daran - daß sie mich zu allem, wobei das Herz beteiligt, unfähig machte. Ich hatte all die Zeit her viel Schmerzen im Arm, durfte selbst gar nicht schreiben, um so weniger als ich Hamburg und Schwerin vor mir hatte, und nun aber, das Allertraurigste für mich, daß ich eben doch zu der Überzeugung kommen mußte, daß ich mir mit dem Studium Deines Konzertes wohl wieder geschadet hatte! Wie hatte ich mich gefreut, es diesen Winter öfter zu spielen, wie ist es mir ans Herz gewachsen, wie machte es mich so froh wieder, wenn ich daran übte, und nun soll ich darauf verzichten, es jemals mehr zu spielen - ich kann nicht ohne tiefen Schmerz daran denken, weil ich eben diesen Herbst mich durch meine elastischen Finger und meine Kraft zu der festen Zuversicht, es nun wieder spielen zu können, hatte verleiten lassen! Vielleicht aber ist es auch nur Rheumatismus, und ich atme bei diesem Gedanken wieder auf, denn daß die Witterung Einfluß darauf hat, habe ich oft schon erprobt. Verzeih, daß ich Dir so viel davon vorspreche, aber das Herz war und ist mir so voll davon - ein steter Kampf von Furcht und Hoffnung.

In Hamburg habe ich sehr glücklich gespielt - ich glaube, das Gdur-Konzert nie so gut, habe aber auch nicht die geringste Mühe mehr damit. -

Deine Schwester, die gar viel an Migräne jetzt leidet, sah ich noch am letzten Morgen - leider war sie krank und konnte nicht zur Probe gehen, wozu sie Billett hatte - hätte sie mich nur durch ein Wort davon benachrichtigt, so hätte ich bei Avé noch auf ein Billett zum Konzert gedrungen. Wie sehr leid war mir das. Ich fand sie sonst munter, und ihn, der mich besuchte, so sehr angenehm, daß ich mich von Herzen für Elise freute. Avé war sehr unglücklich über Deinen letzten Brief - ich sagte ihm aber sehr meine Meinung, ganz unumwunden, auch Bernuth.

Es ist mir sehr ungemütlich, daß ich gar nicht weiß, wohin Dich meine Gedanken begleiten können! Ich hörte so lange nichts, freilich wohl durch meine Schuld! -

Bitte, laß mich recht bald wissen, wo Du bist, und ob die Zweite fertig ist? (Simrock sprach mir neulich von einer Dritten! Solltest Du ihm vertrauen, was Du mir nicht vertraust?) Ich gehe heute nach Berlin, bleibe dann bis zum 8. November dort. Darf ich Dich wohl noch mit einer Bitte bemühen?

Berlin, den 26.

Vorgestern konnte ich nicht schicken, tue es nun heute, glücklich hier wieder angelangt. Die Bitte, womit ich Dich bemühen wollte, konnte ich mir leichter selbst gewähren, wie ich mir unterwegs überlegte. Hier fand ich wieder Briefe die Masse, und so heißt es wieder an die Arbeit, fort und fort, bis endlich mal das große Fine kommt.

Leb' wohl, mein lieber Freund, hab' Dank für so manches wieder, und vergilt mir nicht mein langes Schweigen! Du kennst ja das alte Herz Deiner getreuen

Clara.

Die Kinder grüßen sehr schön - Felix ist nun in Palermo installiert, sehr entzückt von der guten, gleichmäßigen, windlosen Luft! aber, teuer ist es dort!!!

Wir bleiben bis zum 8. November hier, dann Basel, Zürich und - Büdesheim zur langen Trennung - möge sie nicht für immer sein.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Schwerin/Berlin
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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