19.12.2019

Briefe



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ID: 23282 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 28.06.1882
 

Frankfurt a./M., den 28. Juni 1882.

Lieber Johannes,

fürerst Dank für Deinen lieben Brief Könnte ich darauf "Ja" sagen, aber das ist unmöglich! Ich habe in Gastein Logis zum 13. Juli und alles versucht, dasselbe um 8 Tage später zu erhalten, da wir hier so schlecht fortkönnen wegen der Arbeiten im Haus, aber es geht nicht, und müssen wir nun sehen, wie wir es machen fortzukommen, natürlich aber können wir keine Stunde früher hier fort, als es durchaus sein muß. Ach ja, es wäre wohl schön gewesen, hättest Du mir das Frühlings-Quintett im traulichen Stübchen am Berge vorgespielt!

Ich werde mir in Gastein ein Instrument mieten, d. h. von München oder Salzburg kommen lassen, aber Du weißt, daß ich zu solch 'nem Besuche im Badeort nie zurede.

Gestern habe wir Raff zur letzten Ruhestätte begleitet. War auch zwischen uns nicht immer alles eben, so hat mich sein Tod doch tief erschüttert. Für ihn war ja der plötzliche Tod ein Segen, denn er wäre mit seinem ganz unnormal großen Herzen unsagbaren Leiden entgegen gegangen, aber für die Seinigen ist es doch entsetzlich. Ich war während der Beerdigung bei seiner Frau mit noch einigen anderen, das war herzzerreißend, und bin ich ganz elend davon. Mein ursprüngliches Gefühl der Zuneigung für Raffs ist wieder ganz in den Vordergrund getreten. Es schmerzt mich tief, wenn ich mir vorstelle, wie dieser Mann für die Schule Tag und Nacht gedacht und gearbeitet hat, und, wie wenig wird es ihm gedankt? Die Frage, wer nun folgen wird, tritt nahe heran. Ich glaube, ich wäre für Wüllner, der vielleicht gerade jetzt Dresden gern verließe. Doch, natürlich verhalte ich mich ganz ruhig, bis ich gefragt werde. Jedenfalls gehen große Veränderungen vor sich, und gern wüßte ich, ob Du mir einige gute Theorie- und Klavierlehrer vorschlagen könntest, ich dachte für Kompositionsunterricht an Grimm? Ich glaube, man wird mich um Rat fragen.

Mit Deinem Bedenken über die Bezeichnung der Werke Roberts hast Du gewiß recht, verstehst aber auch ganz meine Empfindungen dabei. Wie schwer ist es doch, das Rechte zu tun. Ich bringe jetzt gar nichts zustande, habe gar keinen Arbeitsmut, fühle mich so entsetzlich gedrückt, und solche Erlebnisse, wie das mit Raff, sind auch nicht geeignet, einen aufzurichten, im Gegenteil, sie lassen einen so recht die Ohnmacht erkennen, in der der Mensch immer lebt.

Für heute genug - ich falle Dir vielleicht störend in Deine Frühlings-Phantasien, das verzeihst Du aber gewiß

Deiner alten

Freundin.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 

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