15.07.2019

Briefe



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ID: 23284 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 10.08.1882
 

Degenbalm bei Brunnen, Kt. Schwyz,
den 10. August 1882.

Lieber Johannes,

erst wollte ich sicher sein, wo wir uns niederließen, ehe ich Dich bitte, den Parzenchor zu schicken, darum bitte ich nun recht sehr, und zwar baldigst, da wir nur bis 25. August hierbleiben. Sehr danke ich Dir für den interessanten Brief Billroth und Deine Sendung des Gedichtes, die mich nun schon vorher mit der Situation bekannt gemacht. Wie versteht Billroth es, Dir eingehend und mit so feinem Verständnis über Deine Sachen zu schreiben - ich fühle mich immer beschämt durch seine Urteile; nicht als ob er es besser fühlte und verstände als ich, aber seine Ausdrucksweise läßt mir die meine immer so dilettantisch erscheinen.

Habe ich das Gefühl schon immer, wenn ich Dir schreibe, so fühle ich beim Lesen seiner Briefe meine Unzulänglichkeit doppelt. Du machst mir dennoch immer große Freude damit - ich lerne auch immer daraus. Darf ich den Brief noch eine Weile behalten? Möchte ihn gern Eugenien zeigen, die aber wohl erst in 8 Tagen zu uns kömmt.

Der Ort, an dem wir sind, ist herrlich, umgeben von den saftigsten Matten, dahinter die Gletscher vom Uri Rotstock, vor uns ein Stück des Vierwaldstätter Sees, gegenüber Seelisberg, wir aber hier auf Degenbalm ganz wie auf dem Lande! Es ist entzückend, und immer sprechen wir davon, ob man sich nicht 'mal den ganzen Sommer an solch 'nem Ort festsetzte. Die Schattenseiten sind mir immer die Table d'hote mittags und abends und morgens sogar, wobei einen noch immer die schmutzigen Tischtücher ärgern und wohl gar den Appetit rauben. Doch sind das ja Nebensachen gegen den Genuß der Natur und Luft, die besonders frisch und behaglich dabei, nicht so rauh ist.

Am 24. - 25. wollen wir nach dem Comer See - was dann, weiß ich noch nicht! Vielleicht beschränke ich mich diesmal nur auf die Seen, da mich das viele Hin- und Herreisen so anstrengt, doch ich will abwarten, wie ich mich nach dem Aufenthalt hier befinde.

Am Ende entschließt Du Dich, mit Billroth zu reisen, und vielleicht begegnen wir uns dann? Ich denke, mit so einem zu reisen, muß doppelter Genuß sein! -

Erlaubst Du, daß ich Grimm Billroths Brief schicke? Er läse ihn gewiß mit großem Interesse. Du sagst mir ja offen, wenn Du es nicht magst....

Nun schließe ich aber, in froher Erwartung Deiner Sendung - wir haben hier ein Klavier, womit man zur Not doch auskommt.

Leb' wohl, sei herzlichst gegrüßt von

Deiner

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Degenbalm bei Brunnen, Kt. Schwyz
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 

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