15.07.2019

Briefe



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ID: 23285 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 23.08.1882
 

Degenbalm bei Brunnen, Kt. Schwyz
den 23. August 1882.

Lieber Johannes,

mit freudig bewegtem Herzen schreibe ich Dir heute, nachdem ich eine herrliche Stunde mit Deinem Parzenchor verbracht habe. Welch ein Werk ist das, wie genial durch und durch, welch tiefe Schönheiten sind da drinnen, wie packt es einen von der ersten bis zur letzten Note! Wunderbar hast Du das düster, geheimnisvoll Mächtige der Worte in Tönen wiedergegeben, wie rührend die milden, aber traurigen Worte im 1/4-Takt-Satz! Ich kann es Dir gar nicht sagen, welche Wonne mir das Stück schafft - die düstere
Schönheit der Harmonien! Gleich die Harmoniefolge im 2. Takt, über die Billroth spricht, und wo ich seine Meinung nicht begreife, ergreift mich ganz wunderbar, wohl ist sie kühn, aber durch das a im Basse und das fis, g in der Melodie ganz motiviert und wie genial am Schluß, wo sich das Fis moll weiter pp wehmütig sanft ausspinnt, bis es zuletzt ins D moll kommt - wie merkwürdig ist der Schluß - da schüttelt man im Geist noch lange das Haupt mit dem Alten träumend fort! - Es ist nicht leicht, sich in das plötzliche D moll am Schluß zu finden, aber hier helfen die Worte, und man staunt, wie Du sie erfaßt und so wiedergegeben. Eine kleine Stelle ist mir aufgefallen, und zwar gleich beim ersten Durchsehen, und jedesmal wieder, wenn ich es durchspielte. Das ist Seite 15 im 3/4-Takt nach der 2. Stelle a la capella, bevor das Orchester im Dominantakkord von D einsetzt; da hast Du schon 2 Takte vorher dieselbe Harmonie, die nach meinem Gefühl den Eintritt des Orchesters abschwächt, dazu kommt auch die Wiederholung 2 mal im Tenor

[Notenbeispiel]

die ich mir lieber fort dächte, denn sie ist die einzige Stelle im ganzen Stück, die einem etwas flau erscheint, so quasi nur als Übergang, der mir gar nicht nötig scheint - ich könnte mir die 2 Takte ganz fort denken, oder in der Harmonie des 5. und 6. Taktes dieses Satzes. Siehe sie Dir doch 'mal darauf an, vielleicht findest Du mein Gefühl richtig, wenn nicht, verzeihst Du, wenn ich es so offen ausgesprochen. Wir müssen das Stück bald hören -ich werde Müllern gleich davon sprechen. Hab' Dank, daß Du mir die Wonne, es kennen zu lernen, schon jetzt verschafft hast.

Vor einigen Tagen überraschte mich Grimm hier, der eine kleine Ferienreise an die italienischen Seen macht, und ein paar Tage hier bleibt. Es traf sich sehr glücklich, daß er auch Volklands hier fand, mit denen er sich sehr befreundet hat, und die tüchtig mit ihm spazieren laufen können. In zwei Tagen fahren sie zusammen durch den Gotthard-Tunnel, wir ein paar Tage später nach, aber über den Gotthard, und hoffe ich, wie treffen uns am Comer See wieder. Ich kann mich schwer von der wahrhaft erquickenden Luft hier trennen - nie habe ich diese Wohltat so empfunden, wie diesen Sommer. Grimm und Volklands sind auch voll Entzücken über den Parzenchor, und freute ich mich für Grimm, der einen solchen Kunstgenuß nicht erwartet haben konnte.

Wegen des Streichquintetts weiß ich nicht recht, welche Adresse Dir zu geben? Ich weiß nicht, ob es ganz sicher ist, ein Manuskript nach Italien zu senden, habe Angst, es könnte verloren gehen! Für Briefe ist von nun an meine Adresse: Bellaggio Lago di Como, Italien, poste restante. Ich überlasse Dir, es mir zu schicken, wenn Du keine Gefahr siehst, falls Du es aber nicht sicher findest, bitte ich Dich nach meiner Rückkehr darum.

Nun leb' wohl, laß mich bald hören, wie es in Aussee war, ob Dir Dein Trio behagt hat - hoffentlich, denn Du wärest sonst ja ein Undankbarer gegen Dich.

Hier grüßt alles herzlich, zumeist aber ich Dich,

Deine alte

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Degenbalm bei Brunnen, Kt. Schwyz
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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