15.07.2019

Briefe



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ID: 23301 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 02.12.1884
 

Frankfurt a./M., den 2. Dezember 1884.

Diktat. Lieber Johannes!

Ich muß mich schon entschließen, einige Zeilen an Dich zu diktieren, wenn ich etwas von Dir erfahren will; ich bin leider durch eine heftige Attacke im Arm seit beinahe drei Wochen am Spielen und Schreiben gänzlich gehindert; wäre nicht dieser Umstand, so hätte ich schon früher Deinen letzten Brief beantwortet und Dir für Deine Verwendung in der Gutmannschen Angelegenheit gedankt.

Jetzt rückt die Zeit Deines Näherkommens heran, und wie gerne wohnte ich dem Fest in Krefeld bei; wären solche Sachen nur nicht immer mit manchen Unbequemlichkeiten für mich verknüpft. Es gehört meinerseits immer eine gewisse Sorgfalt dazu, daß ich mich wohl befinde, und auf Reisen im Winter ficht mich gar so leicht das Kleinste, Ungewohnte an. Ich hoffe aber, daß Du doch auch uns hier besuchst, nach Wiesbaden, wo jetzt nun auch Engelmanns sind, gehst Du doch gewiß. - Da ist es denn nicht so umständlich für Dich.

Sehr entsetzt bin ich, zu hören, daß Deine Fdur-Sinfonie nun wirklich von - Keller(!) erscheint. Das finde ich recht unbarmherzig von Dir, denn niemand kann Deine Sachen auch nur annähernd so arrangieren wie Du selbst, und welch eine Freude geht einem da verloren! - Eine große hatten wir neulich an Deinem Requiem, das Scholz ganz wundervoll zur Aufführung gebracht - Du würdest Dich daran erfreut haben, auch an Nr. V, welches meine Sekretärin wunderschön gesungen hat. Für Scholz hat es mich auch
gefreut, daß es so gut gelang - er ist doch ein tüchtiger Dirigent.

Ich soll nun eigentlich nächste Woche in Leipzig spielen und weiß noch nicht, ob es möglich sein wird; bis Ende dieser Woche will ich noch warten, wird es nicht besser, so muß ich natürlich abschreiben, was mir doch sehr hart ankommen würde, obgleich mein Herz am alten Saale hängt. Man hilft aber bei einem solchen Feste in seiner Vaterstadt gerne mit.

Sonst geht hier alles im alten Geleise, wir arbeiten und leben sonst sehr still für uns. In der Schule geht auch alles seinen Gang, und bei Stockhausen soll es auch ganz gut verlaufen, man sagt, er habe viele Schüler. Seine Schule geht reißend ab, hoffentlich verdient er damit hübsches Geld.

Was ich nun gern noch früge, brauche ich Dir wohl kaum zu sagen, ich möchte wohl, ich könnte einen Blick in Deine Kunststätte werfen! Du schriebst mir von Gesangssachen, die ich aber noch nicht sah, und viel höre ich von einer IV. Symphonie? Hier grüßt alles, zumeist

Deine alte

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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