15.07.2019

Briefe



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ID: 23316 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 24.08.1886
 

Obersalzberg, den 24. August 1886.

Lieber Johannes,

hier folgt mit Dank der Brief von Blillroth zurück. So sehr es mich nun auch freut, daraus zu sehen, wieviel Neues Du wieder geschaffen, so kann er mir doch keinen Ersatz für die Werke selbst geben. Als Du, wohl in schlechter Laune, mir
schriebst, Du glaubtest, Du habest mich bisweilen mit Deinen Sachen nur belästigt, hattest Du wohl vergessen, daß ich als Künstlerin Dir doch kein oberflächliches Urteil über Deine Sachen sagen mag, und ein solches es immerhin bleibt, so lange man nicht vollständig mit der Sache vertraut ist. Das geht aber unter Umständen, wie sie etliche Male obwalteten, nicht schnell. Wenn man z. B. eine geschriebene Partitur bekömmt und so wenig geübt ist im Überblick einer solchen, wie ich, so wenig sich eine Vorstellung von der Klangwirkung beim bloßen Lesen machen kann; -
oder wenn Du mir eine Symphonie für 2 Klaviere übereinander geschrieben, ohne 2. Klavier schickst, so daß ich sie nicht probieren kann, oder gar, wenn man ein Armleiden hat und sich erst die Spieler suchen muß, die es einem vorspielen. Dann, wenn Du mir in verschiedenen Schlüsseln geschriebene Gesänge schickst, was mir das Kennenlernen enorm erschwert. Dann bin ich doch auch nicht immer so Herr meiner Zeit und meiner Kräfte, daß ich mich wie Frau v. Herzogenberg tagelang in so ein Werk hinein verbohre, kurz und gut, es gibt der Gründe viele, wenn meine Rückäußerungen auf Sendungen von Dir warten ließen. Ich will mich mit diesen Auseinandersetzungen nicht etwa entschuldigen, denn, einer Nachlässigkeit oder gar Gleichgültigkeit bin ich mir nun und nimmer Dir gegenüber bewußt, ab er ganz mit Stillschweigen übergeht man einen ungerechten Vorwurf nur bei Menschen die einem nicht näherstehen.

Was die bewußten Briefe betrifft, so kann ich Dir nicht ganz unrecht geben, aber nur durch Dich sind sie ja überhaupt jemals zu erlangen.

Herzogenbergs habe ich nun endlich gesehen - sie waren vorgestern hier oben. Von neuen Kompositionen wußte ich nichts.

Wir haben jetzt Besuch von Steinmetzens hier - eben sehe ich sie heranrücken, schließe daher, es gibt auch so gar nichts von hier mitzuteilen. Prof. Wendt empfiehl mich angelegentlich, er gehört zu meinen großen Sympathien, leider war mir ein öfteres Zusammenkommen mit ihm nie vergönnt.

Wie immer

Deine Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Obersalzberg
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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