15.07.2019

Briefe



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ID: 23376 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 07.06.1891
 

Frankfurt a./M., den 7·Juni 1891.

Lieber Johannes,

gerade wollte ich für Deinen letzten Brief aus Ischl danken, da kommt uns die Nachricht von dem Dahinscheiden unseres armen Ferdinand. Du kannst Dir denken, daß ich tief betrübt bin, aber wir müssen es doch als ein Glück ansehen, daß er erlöst ist, denn die Ärzte haben konstatiert, daß sein ganzer Organismus durch die vielen narkotischen Mittel zerstört ist, und ein längeres Leben für ihn ein noch viel elenderes sein würde als bisher. Was mich am betrübtesten macht, ist, daß niemand von uns bei ihm war, weil wir ja von der Gefahr erst hörten, als es schon zu spät war. Marie ist nun heute zum Begräbnis nach Gera gereist, zu meiner großen Beruhigung ist Louis mit ihr gegangen. Was für ein armseliges Leben hat der Arme seit 10 Jahren geführt ....

So erzieht man seine Kinder in aller Liebe und Sorgfalt, und begräbt sie dann wieder! Das ist zu traurig.

Eugenie trafen wir hier wohl an und sehr befriedigt von ihrer Reise, von der sie gar viel Interessantes erzählt. Leider hat sie in Malta 8 Tage sehr elend zugebracht, wohl ein heftiger Influenza-Anfall. Sie war in Malta, Sizilien (Syrakus, Palermo, Taornino), im ganzen 5 Wochen auf dieser Reise. Ich war sehr froh, daß sie die Reise unternahm, denn was sie in London durchgemacht, war doch entsetzlich. Sie wohnte bei Burnand, nach 8 Tagen ging er morgens aus, scherzte noch mit ihr an der Tür, zwei Stunden darauf wurde er nach Hause gebracht und starb am selben Abend. Ach, es ist doch schrecklich, was man erlebt, verliert, und der arme Körper kaum mehr Widerstandskraft genug für alles hat! -

Baden hat mir wenig genützt, es war zu kühl, wir mußten fast immer heizen. Ich gehe nun doch im Juli wie immer nach Franzensbad und dann nach Obersalzberg.

Du schreibst mir ja recht verzweifelt von Herzogenbergs Requiem! Ich weiß gar nichts davon, er hat es mir nicht geschickt, und leider ist mir das ja nur Erleichterung.

Lebt wohl, genieße das schöne Ischl recht ungetrübt, und sei herzlich gegrüßt von

Deiner betrübten

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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