15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 23383 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 27.09.1892
 

Frankfurt a./M., den 27. September 1892.

Lieber Johannes,

Deine guten Wünsche kamen mir in Interlaken zu, als wir im Begriff der Abreise standen. Indessen sind wir noch etwas herumgereist und erst jetzt hier in Ruhe, kann ich Deinen so inhaltschweren Brief beantworten. Derselbe hat mich tief traurig gestimmt, es ist mir aber lieb, daß Du Dich offen aussprichst, so kann ich nun ein Gleiches tun. Du zürnst mir wegen einer Nichtachtung Deiner gelegentlich der Schumann-Ausgabe, ich kann mich aber durchaus nicht erinnern, warum die Stücke nicht so erschienen sind, habe immer in dem Glauben gelebt, alles in bezug auf die Ausgabe nach Deinem Rate getan zu haben. Sollte es aber sein, daß ich Dich gekränkt hätte, so hättest Du es mir gleich offen sagen sollen, nicht Raum geben einem solchen Verdachte, als sei mir Dein Name nicht sympathisch im Verein mit dem Roberts. Das muß Dir in einer schlimmen Stunde eingefallen sein, und ist es mir, nach so vielen Jahren künstlerischer Gemeinsamkeit, ganz unfaßlich, wie Du so etwas aus mir heraussuchen konntest. Stimmt es doch gar nicht zu dem, was ich durch so viele Jahre hindurch betätigt habe, die Verehrung für Dich, und auch nicht zu dem, was Du mir am Schlusse Deines Briefes sagst. Wäre Dein Verdacht begründet, so könnte ich wirklich nicht mit zu den schönen Erinnerungen Deines Lebens zählen.

Wohl hast Du recht, wenn Du sagst, daß der persönliche Verkehr mit Dir oft schwer ist, doch hat mich die Freundschaft für Dich immer über Unebenheiten hinweggetragen. Leider wollte mir aber bei Deinem letzten Besuche nicht gelingen, das bitterste Gefühl gegen Dich los zu werden.

.... Doch genug hiervon, mich macht nichts trauriger als solche Auseinandersetzungen und Zerwürfnisse - bin ich doch der friedfertigste Mensch von der Welt.

So laß uns denn, lieber Johannes, freundlichere Töne wieder anstimmen, wozu Deine neuen schönen Klavierstücke, von denen Ilona mir schrieb, die beste Gelegenheit bieten, wenn Du wolltest!

Sei in alter herzlicher Weise gegrüßt von

Deiner

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.