15.07.2019

Briefe



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ID: 23394 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 05.05.1893
 

Frankfurt a./M., den 5. Mai 1893.

Lieber Johannes,

wo sollen meine Gedanken Dich nun suchen? Nicht 'mal der ältesten Freundin ist es vergönnt, Dich aufzufinden, und muß ich meinen Wunsch ins Leere hinausseufzen! Ich bin nur froh in dem Gedanken, daß Du in herrlicher Natur den Tag verträumst, oder verjubelst Für letzteres sorgen wohl Deine lieben Reisegefährten? (Doch wohl H. Widmann und Hegar?).

So hast Du nun schon ein ganz ehrwürdiges Alter erreicht, doch eine Freude für die Welt, wenn auch vielleicht weniger für Dich! Nun, ich wünsche Dir noch viele Jahre in Rüstigkeit, wie bis jetzt! Wie manches wirst Du denn noch schaffen, uns zur Wonne! -

Wir sind vor einigen Tagen glücklich zurückgekehrt und haben in Pallanza schöne Tage verlebt, namentlich viel auf dem See! Es war des Staubes auf der Chaussee halber die einzige Möglichkeit, Partien zu machen, daß man auf dem Boot fuhr, da schwand denn auch mehr und mehr die Furcht vor dem Wasser. Die wunderbare Vegetation hat uns besonders entzückt, oft ganz in eine Traumwelt versetzt. Wir hatten die Freude, in dem Arzt Dr. Scharrenbroich und seiner Frau eine Bekanntschaft zu machen, die, teils durch des Doktors großen Enthusiasmus für Musik, teils durch seine warme Teilnahme für meine Gesundheit einen fast freundschaftlichen Charakter annahm, so daß uns der Abschied recht schwer wurde. Er hat uns sehr ernst zugesprochen, mehr für mich zu tun, und unsere Pläne für den Sommer in etwas umgeändert, als er mir sehr riet, den Juli hindurch Schlangenbad zu gebrauchen, weil ich viel an Nervenschmerzen leide, und dann erst, im August und September, in die Schweiz zu gehen, wohl wieder Interlaken. Ich spielte ihm einmal Deine Klavierstücke, worauf er meinte, wer noch so frisch empfände und solches leiste, dessen Leistungsfähigkeit könne noch sehr gehoben werden, und daraufhin gingen alle seine Ratschläge.

Ich schreibe dies, weil es uns die ganze letzte Zeit sehr beschäftigt hat. Übrigens ist es mir entsetzlich, immer mit dem elenden Körper zu tun zu haben! -

Für Deinen lieben letzten Brief herzlichen Dank - ob Du wohl schon jetzt nach Ischl gehst? Ich richte aber meine Zeilen doch nach Wien, wohin Du sicher noch 'mal zurückkehrst? -

Bitte, lieber Johannes, laß bald 'mal von Dir hören, damit ich Dich wieder zu finden weiß.

Marie sendet ihre allerherzlichsten Wünsche, und ich bin in alter Treue

Deine Clara.

P. S. Man glaubt, daß Trautmann, ein recht begabter, sehr junger Mann, die Stelle am Cäcilienverein bekommen werde - freilich ist er noch Anfänger.

Ich bin recht mit Anliegen wegen dieser Stelle gequält gewesen. Die Leute trauen mir immer so viel Einfluß zu, und ich habe doch so gar keine Stimme. Rudorff hätte ich gern hier gehabt! -

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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