19.12.2019

Briefe



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ID: 24292 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 21.06.1828 bis: 25.06.1828
 

Zwickau, den 29. Juni 1828

Nimm, mein lieber Robert meinen freundlichen Dank für deinen kindlich liebenden Brief, er war mir eine Aufheiterung in meiner elenden (unl.) Stimmung, ein lindernder Balsam meiner Leiden -. Ich war und bin wohl sehr elend (unl.) und ich fühle nur zu sehr den Feind heran nahen, was ich schon seit Jahren fürchtete, die Wassersucht.-. So schnell, hör ich dich fragen ? Nun, mein Sohn, nicht schnell. Schon vor Jahren haben mir diese Krankheit alle die Ärzte, die ich brauchte, prophezeit..Doch jedes Übel kommt uns immer zu schnell, nun die freudigen Tage können wir nicht erwarten, und verlangen wir sie, ist der Genuß vorüber. und dann rufen wir mit (unl.), alles ist fidel.. Alles endet, Freude und Schmerzen (unl.), glücklich mein theurer Sohn, wenn wir froh zurückblicken, wenn wir mit Ergebung zu unserem gütigen Vater hinauf blicken können, und sagen können, Alles was mich trifft kommt von dir, nimm dich meiner an, und verlaß mich nicht, wo ich murren oder (unl.) solte, gieb mir Ergebung in trüben Tagen, und Dankbarkeit, bey (unl.)! Denken wir so, dann machen uns Leiden nicht kleinmüthig, und Freuden nicht übermüthig. Die Geschichte unserer eigenen Erfahrung an Menschen und Bekannten giebt uns die weiße Lehre, nicht stolz auf unseren Stand zu sein, unser Vermögen, unsere geistigen Vorzüge zu seyn, ein Gönner über uns gebietet, und wir fallen oder steigen. Napoleon mit allen seinen großen Anlagen fand, wie selbst unter unserern Bekannten machen die traurige Erfahrung, daß Stolz und Übermuth die Klippe ist, wo wir straucheln, und wohl ganz versinken - und darum muß man stets bitten wie jener große Weiße „Herr gieb mir nicht zu viel, daß ich nicht übermüthig, und nicht zu wenig, daß ich nicht kleinmüthig werde, vor alle gieb mir ein frommes und weißes Hertz !.
Du willst wissen, was es mit meiner Badereise würd ? (unl.) war mein Vorsatz nicht, das Bad zu besuchen, den nur Karlsbad allein kann mir (unl.) nicht völlige Gesundheit geben, - ich kann nun nach Doctor Döhlers Überzeugung meine Leiden durch den Gebrauch mildern, aber heilen, - kann nur Gott. Da nun die schmerzlichen Erinnerungen so mächtig meine Seele erschüttern, so werde ich lieber dulden, und den Feind erwarten, der mich tödtet. Zwar ist Selbsterhaltung des Menschen erste und heiligste Pflicht - allein, guter Robert, was kann ich noch bey einem zerstörten Körper wünschen? Und ist nicht Handeln und Würden des Lebens ? Gott gebe mir, der Leiden viel zu tragen, ich habe geliebte Gegenstände verloren, die meinem Herzen unaussprechlich theuer waren, die ich innig liebte, durch diese Verluste ist von dem Reiz des Lebens vieles verschwunden, mit meiner geliebten Emilie, mit deinem so guten Vater hingegangen, ist dunkle Nacht in meiner Seele geworden.- Nur ihr, meine geliebten Söhne bringt noch Strahlen des Lichts herein, wenn ich euch zufrieden, froh und geachtet von guten Menschen sähe. - Glaube nun, daß ich es mit Dank zu Gott tief fühle und empfinde. daß von Vielen ich glücklich bin, mein Herze ist sorgenfrei, ich sehe euch als gute Menschenhandeln, ich sehe dich als wissenschaftlichen gefühlvollen und geistigen jungen Mann derinem deinem (unl.) Vater (unl.) und ich sollte das nicht fühlen? Nein, mein guter Robert ! so kalt, so undankbar bin ich nicht, oft auf meinene einsamen Spaziergängen, wo ich meinen glücklichen Tagen nachdenke, hebe ich meinen thrändenden Blick dankend zu Gott und rufe „Herr, ich bin zu gering als daß du an mit, meinen Kindern thust. Aber mein kranker Körper läßt mich nicht froh werden, ich bin für euch, für meine Freunde ein kaltes, mürrisches, müßtrauisches Wesen, weis Gott, der das Leben (unl.) für mich, was nütze ich euch? Und doch will und muß ich nach Karlsbad weil ich von meiner Krankheit überfallen wurde, wo ich 12 Nächte nicht sitzen, gehen oder auf dem Rücken liegen konnte, in diesen Nächten habe ich schmerzensvoll in mächtiger Fieberhitze ohne Schlaf zugebracht. Schurig ist zwei Tage öfter gekommen und konnte nur trösten, und durfte nicht helfen. Doch höre ! Schon in Dreßden fühlte ich am (unl.) ein Brennen und (unl.), ich gab es der Hitze, den Fahren und meiner Stärke Schuld, und bin gegen Eduard, und Theresen nicht (unl.).
Nach zwei Tagen bekam ich in einer Nacht heftiges Fieber, und am Morgen das gantze Gesicht, Hals, vorzüglich die oberen Schultern lauter Flecken (unl.), diese Schmerzen gönne ich meinen größten Feinden nicht und im Bette konnte ich gar nicht bleiben, die Federn konnte ich nicht vertragen, ich habe 12 Nächte mit vielem Weinen vor Schmerzen und ohne Schlaf zugebracht, ganz allein in der Kammer und Stube, wo meine gute Emilie verschied. Da habe ich ihren Verlust doppelt schmerzhaft empfunden, ich hatte keine liebende Hand, die mir etwas Kühlendes (unl.), eine Taße Caffee reichte als höchstens früh 5 Uhr. Ich hatte Mahle zu mir gebettet, allein da ich so wenig Gefälligkeit, wenig Theilnahme erblickte, ließ ich sie wegbetten, denn für einen (unl.) nicht schlafen, und Schmerzen hatt, ist es schmerzlich, den anderen so ruhig schlafen zu sehen. Ach ! Für eine Mutter ist eine Tochter ein großes Glück und der Verlust unersetzlich. Nun Gottes Wege sind gut, wenn sie uns auch nicht zusagen. Der Schmerz ist nicht mehr so groß, aber immer noch bedeutend, diese Krankheit ist gefährlich und wenn nicht oft (?), nun Karlsbad hatt heilende Kräfte, für dieses Leiden . Ich reiße den ersten Juli mit Mahlen ab nach Karlsbad, ob ich nach (?) muß, würd der Arzt entscheiden.
Ach , Robert, heute vor zwei Jahren zu dem Johannis Tag (?) begleitest du uns, wo ich in den schönsten Hoffnungen, Deinen guten Vater, und mich gesund in Zwickau zu sehen, doch fürchterlich war die Täuschung und die schönsten Hoffnungen schwanden gleich einem Morgenebel dahin und mir ging die Sonne meines Herzens (?) Lebens unter - und nie, mein geliebter Robert, würd sie so erwärmend mich beleuchten.
Innigst freue ich mich, daß dir die Zigarren Freude gemacht haben, beschränke dich aber im Rauchen, es soll den Augen, dem Appetit und auch dem Beutel nachtheilig seyn. Ich habe Dir versprochen dir Stunden für daß Reiten lernen zu geben, was man verspricht muß jeder halten, doch erlaube mir eine Bemerkung. Oberländer hatt mit gesagt, er hätte einen Freund, der dieser Kunst Meister wäre und nur 8 gl für die Stunden nähme, erkundige dich und schreibe mir dann was es kostet, ich werde mit Vergnügen mein Versprechen, und dir deinen Wunsch erfüllen

Mittwoch, den 26. Juni,
früh 2 Uhr

Der Schlaf flieht mich abermals, was könnte ich für mich angenehmeres thun, als mich mit dir, mein guter Robert, zu unterhalten? Du wirst nun wohl einige Zeit auf Nachricht warten müßen ehe du etwas von mir schriftlich bekommst, denn im Bade darf man sich mit Briefe schreiben nicht beschäftigen, zwar über was ich schreibe, greift den Kopf nicht an, allein ich fühle mich doch angegriffen, wenn ich anhaltend schreibe, ich habe dir noch einiges zu sagen, an deßen Erfüllung mir liegt. Wenn du noch nicht bey deinem (?) gewesen bist, so thue es ja. Der Postmeistern (?) ihr erster Mann war der (?) Freund des Vaters, Grund genug, ihm eine Visite zu machen. Das zweite ist bey Demoiselle Barthauß(?) zu gehen und sie freundlichst und innigst zu grüßen, ihr zu sagen, daß ich sie achte und liebe, und ihr alles Gute wünsche. Hättest du die Zeit und Muße, so gehe nach Probstheida zu Madame Döhler (?), sie wird dich freundlich empfangen , wie auch die Döhler Fritzigen (?) , das gute Mädchen, war letzlich bey mir wo die Vergangenheit, und frühe Rückerinnerung einige frohe Stunden gab.
Ich freue mich, daß dein Zimmer dir eine kleine Welt ist, gebe Gott, daß dir es zuhauße immer am besten gefällt! Es ist ein ungeheuerer Haußzintz, und dein Vormund will es durchaus nicht glauben, dein alter lieber Flügel ist dir so theuer? Und doch mußt du ihn zurück setzen und einen schöneren an diese Stelle nehmen, wenn du über 400 Thaler gebieten könntest. Wenn dieser Fall eintritt, daß du den neuen beßeren kaufen kannst, so sey dein Gemüth noch kindlich gesinnt - wie am Alten, als Knabe, und dein Auge weine keine Thräne der Schuld und Reue. Ich lege dir das Leben von Kotzebu bey, hast du es gelesen, so schicke es wenn du etwas herauß schreibst (?), gleich zurück, es ist Julies, mir hatt es einen großen Genuß gewährt. Ich erwarte deine Erwiderung über diesen Mann mir ist bey vielen Stellen ein (?) eingefallen - mit den Kotzebu ungeheuere Ähnlichkeit hatt auch dir ist diese (?) nicht unbekannt. - .nur daß ich solche unter manchen Verhältnissen (?) und beßer beurtheilen, als du. Auch schicke ich dir den kleinen niedlichen Damenbart von deinem guten Vater, wenn wir zusammen bey Sündernich(?) gingen steckte es der Vater in die Tasche, und oft spielten sie auf grünem (?) Rasen. Ich habe es schönstens vorrichten lassen, einen neuen Kupfer Boden statt Blech, und neue Steine, ich hoffe, daß es dir ein liebes Andenken ist. Wenn du mit deinem Freund Emil manchmahl spielst, so denke meiner freundlich! - da ich wohl 6 bis 8 Wochen abwesend bin, so kannst du nichts zu waschen schicken.
Alle Grüße an Verwandte und Bekannte habe ich ausgerichtet, und alles läßt dich herzlich grüßen, vorzüglich aber der (?) von Liebenau, so auch sie, die herrliche Emma habe ich nicht gesehen, weil ich nicht ausgehen konnte, von dieser kann ich dir nichts bringen, darüber wirdt du dich zu trösten wissen., es ist dir ja doch nun eine gleichgültige (?). Die Ruppiusen ist wohl, es stehet mit der Geschichte noch alles so wie du abgingest Therese ist auf den Sonnabend 14 Tage fort, Eduard hatt noch keine Zeile von ihr, also kann ich nichts von ihr, dir schreiben. Julius lebet mit Emilien noch glücklich, sie richtet sich ganz nach ihm, macht keine Ansprüche, ist fleißig und lebt für ihren Mann und Hauswesen. Julius hatt bey meiner Krankheit so viel Antheil und Aufmerksamkeit gehabt, daß ich nicht geglaubt hätte, seine Außenseite ist oft rau und fällt auf, allein sein Herz ist gut. Lebe wohl zufrieden und sey so glücklich, als du es von Gott erfleht, und von ganzer Seele wünschst.

Deine
liebende Mutter
C. Schumann

PS : Alleweile bringt mit Julius die Abendzeitung, wo des Vaters mit vielen Ehren gedacht wird Möcht Euch meinen Söhnen ins Grab folgen

  Absender: Schumann, Christiane (2895)
  Absendeort: Zwickau
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort: Leipzig
  Schumann-Briefedition: Serie: I / Band: 1
Briefwechsel mit den Verwandten in Zwickau und Schneeberg / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-007-0
75ff.
 



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