02.07.2026

Briefe



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ID: 25362
Geschrieben am: Samstag 01.02.1890
 

Lichterfelde d. 1ten Febr. 1890
Liebe verehrteste Frau Schumann!
Wenn nicht ganz besondere Gründe vorgelegen hätten, so wäre nicht so viel Zeit vergangen, bis ich Ihnen für Ihren lieben Geburtstagsbrief gedankt hätte. Es war ein doppeltes Freundschaftsstück, da Sie noch krank waren und im Bett liegen mußten, und Nichts hat mich in den Tagen mehr gefreut, als sein Erscheinen und alles Gute, was Sie mir sagen. Am 19ten mußte ich nach Breslau, wohin ich gebeten war, um meine Variationen zu dirigiren; kaum war ich von dort zurück, so empfing mich hier zu allem Übrigen die Nachricht von einem widerwärtig perfiden Streich, den gewisse Elemente meines |2| Vorstands mir zu spielen unternommen hatten; das gab neben dem Ärger eine Masse von Arbeit und Schreiberei, so daß ich zu keiner Ruhe gekommen bin bis heute. – Nun wird mittlerweile Borwick zu Ihnen zurückgekehrt sein und hoffentlich nicht vergessen haben, Ihnen meine Grüße zu bringen. Wir hatten ihn seit einem Mittag, den er mit Spitta’s bald nach Neujahr bei uns zubrachte, leider nicht gesehen, und ich war sehr froh, daß wir am Montag seiner noch einmal habhaft wurden. Auch gespielt hat er, zwei Stücke von Scarlatti, dann auf meinen besonderen Wunsch nochmals die Paganini-Liszt’schen a moll Variationen, und endlich mit Kruse die 3te Sonate von Brahms. Das Liszt’sche Stück von ihm zu hören, ist der reinste |3| Genuß. Eine edle und vollkommene Virtuosität<,>! Dies Prädikat kann man sowohl dem Charakter der Musik, als der Art geben, in der es Borwick zur Erscheinung bringt. Gern hätte ich nun noch einmal etwas Anderes gehört: Schumann oder Beethoven, aber es kam leider nicht mehr dazu. Mein Gesammteindruck, der freilich durch eine solche Leistung bestätigt werden müßte, ist der, daß sein Talent im Wesentlichen zwar ein realistisches ist, wie sie unsere Zeit ja fast ausschließlich hervorbringt, aber in dieser Begränzung eines der schönsten, bedeutendsten und durch die Entwickelung, die ihm zu Theil geworden, ohne Zweifel geradezu das wohltuendste von allen, die mir vorgekommen sind. Ich bin überzeugt, daß ihm eine |4| große Zukunft bevorsteht; denn, wo ich hinsehe, wüßte ich nicht, was sich mit ihm unter den jüngeren Leuten messen könnte. Alles, was er musikalisch thut, ist ächt, gesund, wohlgewachsen, schön, unanfechtbar, zeugt von großer Intelligenz und Energie. Ob zu dem Allen sich nun noch mehr gesellen wird, das im Hörer die tiefsten Saiten zu berühren vermöchte, weiß ich nicht. Aber auch wenn dies ausbleibt, soll man sich die große Freude an dem, was er zu geben vermag, nicht nehmen lassen. Er ist ein lieber, prächtiger, gescheuter und bis auf den Grund nobler Mensch; dem entspricht seine Kunst. –
In Breslau habe ich sehr Gutes erlebt. Ich hatte einen Theil der Variationen und Wiederholungen, die ich in Frankfurt fortgelassen, wiederhergestellt, und die Wirkung war ungleich besser; ja das Stück erschien kürzer, weil Alles ordentlich sich entwickelte und zu seinem Recht kam. Die Leistung des Orchesters war ausgezeichnet, und ich hatte einen Erfolg, wie ich noch nicht erlebt mit dem Stück. –
Von Düsseldorf höre ich garnichts; ich will einmal an Euler schreiben. Hier giebt es, wie ich schon andeutete, viel Unangenehmes; der Verein will mich nicht loslassen, der Vorstand dagegen benimmt sich vielfach ziemlich abscheulich, und die ┌rein┐ thatsächlichen Verhältnisse sind der Art, daß ich ein günstiges Resultat bei dem besten Willen der Chormitglieder doch nicht absehe. – Meine Frau grüßt mit mir Sie und die Ihrigen auf das Allerherzlichste und ich bin wie immer
Ihr dankbarster E. Rudorff.

  Absender: Rudorff, Ernst (1307)
  Absendeort: Lichterfelde
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: Frankfurt am Main
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 11
Briefwechsel Clara Schumanns mit Ernst Rudorff und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2023
ISBN: 978-3-86846-022-
778ff.

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr.Dresd.App.3222,B,143
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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