25.02.2022

Briefe



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ID: 25883
Geschrieben am: Montag 17.08.1896
 

Myliusstr. 32. d. 17ten Aug 96.
Lieber Herr Brahms,
Ihr Brief trifft mich in den letzten Tagen des Aufbruchs von hier, wo ich kaum Ruhe finde Ihnen so eingehend zu antworten wie es die Sache erfordert; doch möchte ich Sie nicht gern lange auf Antwort warten lassen und sage daher nur in aller Kürze:
Ich stehe noch ganz unter dem Banne der Abneigung |2| meiner Mutter – die Endenicher Zeit zu Veröffentlichungen zu benutzen – Sie haben begreiflicherweise den Wunsch Hanslick’s Bitte zu gewähren, um so mehr als er Ihre Zustimmung zur Veröffentlichung der betreffenden Briefe schon einmal erhalten hatte. Unsere Empfindungen gehen also in diesem Punkte auseinander und so kann ich nur sagen: thun Sie, was Sie im |3| Andenken an unsre Mutter für das Rechte halten und das soll mir gelten.
Herzlichen Dank sage ich Ihnen, daß Sie die Rücksicht hatten mir von Ihrer Absicht Mittheilung zu machen. Ein Anrecht haben wir an unseres Vaters Briefen nicht mehr, wissen, daß Jeder, der sie in Händen hat, drucken lassen kann, immerhin würde es uns schmerzlich berührt haben, wären |4| die Endenicher Briefe ohne unser Wissen erschienen. – Könnte Hanslick in einer Anmerkung sagen, daß er die Briefe schon in früherer Zeit erhalten hat, so wäre mir das sehr lieb, denn da mir nichts unsympathischer ist als die Geschäftigkeit der Angehörigen gleich nach dem Tode bedeutender Menschen ihre intimen Beziehungen der Öffentlichkeit mitzutheilen, so |5| möchte ich auch nicht den Schein, als hätten wir dazu beigetragen, auf uns laden. – Hiermit hätte ich wohl auch den zweiten Theil Ihrer Bitte, Hanslick noch mehr Material über Endenich zu geben, beantwortet. Ich kann übrigens aus seinem Brief nicht herauslesen, daß er etwas zu haben wünscht. Er spricht es ja sogar aus, daß er lieber nichts mit uns „den Kindern“ zu thun haben will.
|6| Ganz abgesehen von meiner Abneigung gegen Veröffentlichungen, werden Sie es doch gewiß gerechtfertigt finden, daß ich erst in Ruhe das Material selbst durchgelesen und einen Ueberblick genommen haben muß, ehe ich etwas aus den Händen gebe. Dazu braucht es aber einiger Jahre und das thut auch der Sache keinen Schaden.
Ich bin überzeugt wenn wir uns später über diese |7| Angelegenheit sprechen, werden wir uns vollkommen verständigen, denn wenn auch unsere Anschauungen nicht immer dieselben sein können, so weiß ich doch, daß Sie im Grunde von den gleichen Gefühlen für das Andenken unserer Eltern beseelt sind, wie wir.
Uns geht es soweit gut. Wir haben in letzter Woche unser Haus verkauft und zum größten Theil schon geräumt, da wir |8| übermorgen eine sechswöchentliche Reise nach Bayern und der Schweiz antreten wollen.
Mit freundlichen Grüßen von Eugenie u mir bin ich Ihre
aufrichtig ergebene
Marie Schumann

  Absender: Schumann, Marie (1449)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort: Ischl
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
1317-1319

  Standort/Quelle:*) US-NH: Frederick R. Koch Collection, Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University GEN MSS 601, Box 55, Folder 1224
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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