23.01.2024

Briefe



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ID: 25930
Geschrieben am: Donnerstag 22.07.1875
 

Vor allem danke Deiner Mutter in meinem Namen für ihre gütige Liebe sie belohnt mich dadurch viel zu reich für meine kleine Arbeit, ich hatte bei deren Anfertigung schon immer die große Freude ein Ding herzustellen, welches ihr wirklich dienen sollte und somit nicht lästiger Ballast werden konnte. Ich konnte mich kaum enthalten direct an Deine verehrte Mutter zu schreiben und bei dieser guten Gelegenheit alle die Dankesgefühle und tiefen Schulden zu bekennen deren ich mir bewußt bin, aber ich verschone Deine Mutter und ernenne Dich neuerdings zu meinem Anwalte, Du kennst mich in- und auswendig und wirst bei einer guten Gelegenheit für mich das Wort führen.
Deine Reisenotitzen habe ich erhalten, und wenn auch immer um zwei Tage später, die Reise bis Schaffhausen genau nach Eisenbahnplänen verfolgt. Dein Brief aus Heidelberg traf mich in tiefer Gartenarbeit ich fing an i<h>n zu lesen mit dem Spaten in der Hand, als es aber so heiß und glühend aus dem Briefe kam, da ließ ich die entführten Waldpflanzen liegen und lief weg mit Deinem Brief an die brausende, kühle Ems. Die drei fatalen Eigenschaften die Du Dir andichtest Launen, Empfindlichkeit und sogar Unausstehlichkeit können von mir, mit Ausnahme der dritten, welche ich als potenzielle Steigerung Deiner Selbsterkenntniß (fälschlich so genannt) verwerfe, ganz anders bezeichnet werden. Launen scheinen es so lange bis man einen höheren Standpunkt erreicht hat im Verkehr mit Dir, so wie Du etwa das Krummholz und die letzten Stämme an der Schneegrenze der Alpen, vom Thale aus für grünen Rasen ansiehst und zur Empfindlichkeit hast Du ein Recht als geborene Erbsenprinzessin, Du verstehst doch was ich damit meine und lösest auf der Aeolusharfe Deines Seins, diese scheinbare Dissonanz richtig auf und nicht nach der allgemein verbrauchten Consonanz einer Schmeichelei.
Laß mich toben, kochen, grübeln und Dir dann wieder einen Waschlappen mit roter Seide sticken, der wahrscheinlich bei seiner ersten Function Dir von seinem Schmucke mittheilen wird, laß mich so die Zeit der Trennung durchjagen die unerträglich lang ist. Ich vegetire hier und finde keine Freude in meinem Heim man quält mich mit klatschsüchtiger Neugierde und versagt mir die natürlichsten Fragen nach meinem seelischen Befinden, ich krieche wie die Schnecke in mich zurück und finde mich nur mit den Kindern und in der freien Natur wieder. Ich gehe früh zu Bett und träume stets von Dir Genchen, ich weiß nicht woher ich das Glück habe immer von dem zu träumen was mir das liebste ist. (…)
Ich werde in den nächsten Tagen hier fort zu jener Exfreundin gehen, die ihre alten Rechte so ernstlich geltend macht daß ich endlich nachgeben muß, so sehr bald geschieht es jedoch nicht und Du leuchtest mir auch in jeder Oede von Klosters aus, nicht wahr Genchen?
(…) Deine letzte Correspondenzkarte hat mir in der klatschsüchtigen Stadt Steyr einen romantischen Schimmer verliehen Du hast die Bitte: „liebe mich!“ mit „Dein G.“ unterschrieben, ein Neutrum konnten die Leser, die verschiedenen Verwandten meines Schwager’s, durch deren Hände unsere Post geht, nicht vermuten und so lesen Sie „Dein Geliebter“ oder „liebe mich! Dein Gustel“ oder sonst ein Lot, mir auch recht sintemal ich Dich mehr liebe als alle diese Sitzendmenschen ahnen können.

  Absender: Fillunger, Marie (2260)
  Absendeort: Steyr
  Empfänger: Schumann, Eugenie (1440)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*) A-Wn,s.979/3-7
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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