25.02.2022

Briefe



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ID: 26593
Geschrieben am: Sonntag 14.03.1830
 

Dresden, den 14. März Früh 9 Uhr 1830 bei Krägens

Mein geliebtes Weib,
Um Dir beifolgenden Brief schicken zu können, schreibe ich heute. Es ist pressant und Lengnik hatte im Gasthofe hinterlassen „er enthielte sehr angenehme Nachrichten“.
Ich kann übrigens heute wenig schreiben, denn von heute 10 Uhr an ist die ganze Woche nun fast hindurch jede Stunde besetzt. Die schmeichelhaftesten Anerbietungen zu einem öffentlichen Concert, zum Spiel mit der Harmonia und in der Conversation habe ich aus vielen Gründen abgeschlagen und besonders deswegen, weil die vornehmste Kenner-Welt hier es sehr nobel von mir findet, daß ich Clara nur auf so eine Art hören lassen will. Nun dieses aber, mein Kind, nachdem nun viele von Clara’s Genie für die Musik überzeugt sind, so hält man es durchaus für unmöglich, daß sie so ganz ohne alle mögliche Ansprüche nur 2 Welten kennen solle, nämlich die Musik- und die Kinder-Welt, und weil nun aber von Kaskels, wo sie einen Nachmittag zugebracht, es doch ausgesagt, so ist nun Clara in künftiger Woche in mehreren der allervornehmsten Häuser eingeladen, um ganze Tage lang da zuzubringen, was ich nicht abschlagen kann. Clara soll von hieraus berühmt werden und einen Namen bekommen und folglich mag es seyn. Du siehst also, daß wir wohl noch 14 Tage hier bleiben werden, ohne nach Bischofswerda und Bautzen (Hofrätin Petschke versicherte mir noch gestern, daß selbst in Bautzen kein Klavierspieler und kein Instrument sey, welche uns zu schätzen wissen würden, und wir würden jede Stunde bedauern, welche wir dadurch verloren hätten) zu kommen. Heute ist der schwerste Tag für uns – jetzt geht es zu Darmstädts, wo lauter Kenner sind, um 1 Uhr zu Hofrath Carus und heute Abend hat Fr. v. Zehmen wieder eine 2te Fête, wo Clara gehört werden soll von der Oberhofmeisterin, Hofdamen, Gräfin Rennow pp.
Du wirst sagen, die dummen Leute lassen sich herumschleppen wie ein Menagerie und besonders wie ein paar merkwürdige Affen. Laß es gut seyn, Du gönnst mir doch wohl diese Aufmunterung, während in Leipzig die Verwandten, Bekannten und Freunde nicht einmal hinhören, wenn Clara spielt; zwei Mädchen, welche 1-4 Jahr älter sind, sie nicht des Ansehens für werth halten, so wird sie hier von Fräuleins von 16-20 Jahren auf den Händen getragen; und Du wirst sehen, daß sie ganz die Alte geblieben und nur heiterer und weniger launig geworden. Heute erwarte ich einen Brief von Dir.
dein alter
Fr. Wieck

Merkwürdige Anekdoten sind schon von Clara zu erzählen. Wird das Wetter, so fahre ich vielleicht auf einen Tag nach Bischofswerda, weil ich die lieben Verwandten sehen wollte.

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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