25.02.2022

Briefe



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ID: 26595
Geschrieben am: Freitag 19.03.1830
 

Dresden, 19. März 1830

Mein geliebtes Weib,
Gestern hat Klara vor den allerfeinsten Kennern Dresdens gespielt Gesandten pp. – Die Gräfin Einsiedel zog den Ring von ihrem Finger und steckte ihn der Klara an, die Gräfin Bohl schenkte ihr Tüchelchen, was ihr gefiel pp. – Daß sie komponieren könnte, wollte aber niemand glauben, weil es bei Frauenzimmern von dem Alter noch niemals dagewesen. Als sie aber über ein aufgegebenes Thema phantasiert hatte, so war alles außer sich. Es ist nicht zu beschreiben, welches Aufsehen die beiden Affen aus der Leipziger Menagerie hier machen. In Leipzig ist man freilich zu verblüfft und zu boshaft, als daß eine einzige Gans unter so vielen Gänsen jemals begreifen könnte, welch‘ ein außerordentliches Kind die Klara ist, und noch weniger, daß dein Fritze aus Pretzsch dieselbe besitzen und bilden könnte. Man versichert uns, daß deine beiden Affen das allgemeine Hof und Stadtgespräch sind. Auf Klara wirkt es aber durchaus nur vorteilhaft, denn sie spielt mit einem Selbstvertrauen, wie nie und ist und bleibt übrigens die Alte.
Nur einige Anecdoten will ich Dir von Clara erzählen, z. B. gestern ladet sie der Graf Kospoth, welcher mit bei Carus war, ein, nächsten Montag mit seiner Frau, welche zu den ersten Klavierspielerinnen Dresdens gehört, a 4 m. zu spielen. Sie antwortet „kommen will ich wohl, aber kann denn Ihre Frau auch spielen?“ „Ja wohl, antwortete er, nun sagte sie, so führen Sie mich zu ihr – ich will ihre Bekanntschaft machen.“ – Die Gräfin ist alsdann nicht wieder von Klara’s Seite und dem Clavier gewichen. – Was ist das Mädel abgeschmatzt worden. Indessen, es bekommt ihr – sie sieht wohler aus als je; ist sehr und zu mäßig und beträgt sich überall in den vornehmsten Familien, wo sie oft allein, der Kinder wegen hingebeten wird, bei aller Wildheit, mit dem bewundernswürdigsten Takt! – Ferner: wir spielen vor einer großen Gesellschaft, wo ein schlechter Flügel mit einer niederträchtigen Spielart war, brachte aber doch so gut nur möglich die Var. a 4 m. von Herz durch. Nach dem Schluß klatschte die ganze Gesellschaft. Sie stand ganz ruhig und ernst auf und sagte „da klatscht ihr nun und ich weiß doch, daß ich schlecht gespielt habe“, und verlor einige Tränen. Das ist das einzige mal, wo sie bis jetzt geweint hat. Die Anecdote ist allgemeines Stadtgespräch. Es ist schade, daß ich schon so viele vergessen habe. Ich weiß, meine gute Tine würde sich gewiß darüber freuen. Der neue Flügel bei Carus wird für das schönste Instrument in der Stadt gehalten. Alle schreien und stürmen in mich hinein, daß ich meine Methodik herausgeben soll. Und wäre die Reise nicht nötig gewesen um alle die niedrigen Leipziger wegen der Klara zu beschämen und uns Eingang bei anderen Höfen zu schaffen, so ist sie schon deswegen etwas werth, weil ich nun fest entschlossen bin, mich zurückzuziehen, und Hand ans Werk zu legen.
Ohngeachtet nun heute der König wieder kränker ist und also die Hoffnung immer mehr verschwindet, daß Klara bei Hofe spielen kann, so komme ich doch wohl unter 8 Tagen noch nicht fort. Denn die Einladungen verdoppeln sich und werden immer vornehmer, was ich aus anderen Gründen, des Hofes wegen, nicht abschlagen will.
Allein mit Bischofswerda kann nun nichts werden und Pfund, der alte gute Freund, mag es abschreiben, damit diese nicht vergebens auf uns warten. Du solltest jetzt die Klara sehen! Alle Tage werden ihr die Zöpfe wunderschön geflochten. Selbst junge Mädchen von 16 Jahren kommen und flechten ihr dieselben. Alles bemühet sich, nur irgend ihr eine Aufmerksamkeit zu bezeigen. Daß Clara’s gelbes Kleid pp schon hin ist und ich ans schwarze Halstuch gar nicht komme, mich im Gegentheil selbst den Tag 2 mal umziehen muß pp, das kannst Du dir denken.
Sind denn die Bayer angekommen? – Die Reise kostet mir wenigstens 100 Thlr. Nun! Wir können nun nach Dresden kommen, wann wir wollen, so werden wir ein außerordentliches Concert machen. – Nach den Jungens erkundigt man sich oft und beneidet mich allgemein, daß auch diese wieder so ein außerordentliches Talent haben. Nun, meine Geliebte, dein Clemenz ist auch nobel geboren und diesen wird auch der liebe Gott nicht leer ausgehen lassen. Heute schließe ich und erwarte von Dir 1 Brief.
Eiligst
der deinige
Fr. Wieck

Klara möchte dich wohl gern sehen, will aber nicht wieder nach Leipzig, sondern gleich nach Wien.

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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