25.02.2022

Briefe



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ID: 26598
Geschrieben am: Freitag 07.01.1831
 

Dresden, den 7. Januar 1831
Meine liebste Tine,
Um dich nicht in deiner Einsamkeit zu verlassen, melde ich Dir, daß meine fatalen Schmerzen wieder ziemlich weggezogen sind und sich zerstreut haben, daß Claras Gehör sich zwar für den hellen Tag über sehr gebessert, aber Abends 5 Uhr allemal wieder schlimmer wird, und daß ich es also, wenn es einmal seyn müßte, lieber umgekehrt wünschte, indem wir, wie Du aus beiliegendem Zettel ersehen magst, das Concert Abends geben. Wir haben gestern wieder Einladungen annehmen müssen und sind Mittag bei Lengnick und Nachmittag und Abend bei meinem alten Freund Enscher gewesen. Dieser hat in seinem Garten einen großen Rutschberg und versteht sich, Clara war so wüthend, daß sie ohngeachtet des gelbseidenen Kleides nicht genug bekommen konnte und da er nun noch dazu ein wildes Mädchen von 6 Jahren hatte, so war es natürlich, daß sie Abends bei den ersten [Stücken] versagte, welche sie spielte, von einer großen Gesellschaft umringt. Nachdem sie von meinetwegen einige Thränen vergossen, spielte sie darauf gut. – Einladung bei Simons mußten wir gestern abschlagen. Heute Mittag essen wir bei Graf Cospoth und Abends sind wir in die Harmonia gebeten, wo groß Concert ist und die Pechwell spielt pp. Sie studiert also fast gar nicht, obgleich der Conrad Graf da ist. – Wir überraschten sie damit; es was ihr aber ziemlich egal, wie Du schon wissen kannst. Morgen gehen die Proben an mit der Kapelle zum Septett bei Kraegens und nun soll sie auch zu Hause bleiben und studieren. Da muß ich nun Wein und Kuchen geben, so daß sich nun meine Unkosten gewiß auf 100 Thlr. belaufen. Was sollen wir also profitiren bei den kleinen Saal, wo 100 ohne Billet hineinlaufen, und von den 60 Kapellisten jeder ein Freibillet erhalten muß und ich noch 60 Billette ausgebe?
Eben erhalte ich früh 9 Uhr die Nachricht, daß schon heute 11 Uhr die erste Probe zum Septett seyn soll; ich kann Dir also wieder keinen langen Brief schreiben, was ich heute wollte, denn nun muß ich mich noch barbieren pp, und heute zur Gräfin Kospoth ganz fein anziehen. – Auch soll ich heute die Empfehlung von der Prinzeß Johann für Berlin holen. –
Nach die Lemke Kabalen gemacht, singt die Veltheim, aber Claras Lied will keiner singen, weil nichts darin zu gurgeln ist und zu Claras Variationen war auch kein Platz.
Dienstag nach dem Koncert müssen wir noch eine Audienz bei Kraegens geben für diejenigen, denen ich aus Mangel an Platz keine Billets geben kann und so werden wir wohl vor Donnerstag nicht fortkommen.
Aber zu einem 2. Concert wovon man spricht, wollen wir uns nicht halten lassen, da nichts zu profitieren.
Wenn wir nur gesund bleiben. Schon klebt der Zettel an allen Straßenecken und aufschieben ließe sich das Concert nicht, da der Saal nun 14 Tage besetzt wieder ist.
1000 Küsse
dein
Friedrich

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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