25.02.2022

Briefe



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ID: 26600
Geschrieben am: Donnerstag 13.10.1831
 

Erfurt, den 13. October 1831
Liebe Frau,
Gestern früh sind wir hier angekommen und Du bist die erste nach dem Amtmann Petersilie in Weimar, der ich schreibe. Unser Abschied von Weimar war rührend; wie viele haben geweint und uns mit 1000 schönen Wünsche überhäuft. Wir wurden fast mit den Haaren gezogen, noch ein 2 tes Concert zu geben, allein das schlechte, über alle Begriffe niederträchtige Logie in der Sonne, unsere Sehnsucht, nur einmal wieder auf einem guten Flügel zu spielen und ein wenig zu studieren, also nach Gotha zu kommen, und dann endlich der Wunsch, Clara baldigst in einer sehr großen Stadt wie Frankfurt a. M., erkannt zu sehen, - ferner die hereinbrechende Cholera pp bestimmten mich, uns loszureißen. Hier, wo wenig Kenner, keine Klavierspieler, keine Instrumente, wenig Geld und wenig Menschen sind, die Claras Spiel zu würdigen und zu schätzen wüßten, wollte ich nur 2 Tage bleiben, um Claras Polonaisen über Weimar pp zu erwarten. Indessen Clara spielte nur 2 Konzerte bei einem hiesigen Kaufmann Hofmann (der nicht bloß Kaufmann, sondern ein gebildeter, gefühlvoller und kunstsinniger Mann ist;) eine Schweizerin, die 2 Jahre auch in Leipzig war und die Fink recht gut kennt, ist bei ihm Gouvernante, und er und die ganze Familie ist bereits so in Feuer und Flamme, daß sie von Haus zu Haus gehen, um, wie sie sagen, Erfurt für das Höchste zu erwärmen, was sie je gehört hätten. – Ich habe versprochen, wir wollen von Gotha wieder herüberkommen. Nun wie Gott will: mache einstweilen meine Adresse hierher: „in den römischen Kaiser“. Seit gestern habe ich wieder etwas Zahnschmerzen, vom Kaffeetrinken, den ich nun gleich lasse, und von der Anstrengung in Weimar. Wie froh bin ich, hier einige Tage in Ruhe ausruhen zu können.
Nach Abzug aller Unkosten (und wir sind in der Sonne stark geprellt worden und haben viel verthan und groß gelebt) haben wir 120 Thlr. Bono M. reinen Überschuß mit hierher gebracht. Der niederträchtige Belleville mit seinem unverschämten Mensch ist schuld, daß der Weimarsche Hof nunmehr alles bloß in Gelde bezahlt. Die Belleville bekam von der Großfürstin nämlich einst goldene Armbänder – dies war ihm und ihr nicht genug und trug sie wieder hin zum Hofmarschall von Spiegel. Die Großfürstin soll sich schrecklich darüber gekränkt haben. Mir wäre nun ein Geschenk lieber gewesen; aber freilich, mehr Werth hat allerdings das Geld, und ich will wenigstens Clara von Kopf bis Fuß in Frankfurt dafür neu equipieren, besonders mit Kleidern. Clara mag Dir nun einiges aus unserem Tagebuche abschreiben, was ich sehr weitläufig behandle, damit Du viel zu lesen hast und so ohngefähr in Gedanken mit uns reisen kannst. Der Klavierlehrer Wenzel, welcher sich von der linken Hand 3 Finger abgeschossen und doch recht gut spielt, stimmt das Instrument zum Conzert und hat nichts dafür genommen.
[Ab hier Claras Schrift!]
Ich habe ihm dafür 8 Clara Polonaisen schicken lassen.
den 10. Oct. Abends von 6-8 Uhr brachte ich mit dem Chor der Maeser 2 herrliche Stunden im Verein zu. Er ist der liebenswürdigste und vielseitig gebildetste Musikkenner in Weimar.
Hummel hat in der ganzen Stadt viel verloren, daß er nicht in Clara’s Concert war. Welcher Triumpf für uns? Wird denn Clara nun beneidet? – Gott sey gelobt! – Der Amtmann Petersilie, der sich mit der größten Liebe und Freundschaft unserer annahm und sich sogar an die Kasse stellte, verdient unser freundliches Andenken, so wie auch alle oben genannten jungen Leute. Sie haben sich zusammen in Clara’s Stammbuch geschrieben. Einer besonderen Erwähnung verdient noch der Oberbaudirektor Coudray, der uns zu Goethe führte, 6 Empfehlungen, worunter 3 nach Paris, mitgab und unendlich viel für uns gethan hat. – Er führte uns auch in die Bibliothek, wo die Büste von Goethe steht, welche David in Paris gemacht hat, an den wir durch Coudray empfohlen sind. Clara sah außerdem noch das Schloß pp.
Den 11. Oct. Früh 9 Uhr schickte uns Goethe durch Coudray sein Brustbild in Bronce mit einer neuen Rückseite (die in sinnreichen symbolischen Bildern sein ganzes Thun und Treiben ausdrückt) – das erste der Art, was er ausgegeben, und 1 Blatt für Clara: Zum freundlichen Erinnern
des 9 ten Oct 1831
J. W. Goethe.
und mir: Für meisterlich musikalische
Unterhaltung verpflichtet
J. W. Goethe.
Weimar den 9. Octr. 1831
Obiges Brustbild befindet sich in einer Kapsel. Darum war von Goethe ein Papier geschlagen, worauf die Geberschrift:
Der kunstreichen Clara Wieck
W. 9. Octr. 1831

Außerdem schickte er noch mit
Die Feier
des siebenten Novembers 1825 } was zu seinem Jubiläum ausgegeben worden.
zu erwidern
(eigenhändige Unterschrift)
(Eigenhändig) J. W. Goethe
erneut
d. 28. Aug. 1831

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Erfurt
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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