25.02.2022

Briefe



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ID: 26602
Geschrieben am: Mittwoch 26.10.1831
 

Arnstadt d. 26. Oct. [18]31
Liebe Frau
Könnte es möglich seyn, daß unsere Aufnahme in Weimar zu übertreffen wäre, so würde es hier in Arnstadt im Thüringer Wald seyn, wo man gut ißt u. trinkt, wohlhabend, freundlich und gefällig ist. Wir finden hier, vielleicht einzig und allein, von der ganzen Reise, wohl 6-8 gute Flügel, meist von Conrad Graf.
Die zahlreiche fürstl. Familie, aus 7 Personen bestehend, und welche uns in Gotha eingeladen hat, hat alles gethan, um uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Nächstens mehr davon, vielleicht von Cassel aus.
Heute geben wir Concert in einem so schönen Saale wie der Gewandhaussaal, wie Du aus beiliegendem Zettel siehst.
Beifolgenden Brief u. Inlage gieb gefälligst an Rochlitz ab. Haltet Ihr es der Mühe werth, so leset alles und siegelt den Brief nachher zu. Ein Exemplar meiner Phantasie über Chopin Phantasie geht in diesen Tagen an deinen Bruder nach Paris ab, um dort mit Bewilligung des Chopin in die revue musicale abgedruckt zu werden. Es soll uns gewissermaßen als Vorläufer in Paris dienen.
Ich bin so in das Arbeiten hineingekommen, daß ich manche Tage ganze Bogen schreibe über Klavierspiel pp. Ich finde alles zu weit zurück, als daß ich nicht ermuthigt werden sollte, die Früchte meines 20jährigen Studiums der Welt vorzulegen. Schumann mag meine Phantasie lesen u. sagen, ob’s so recht ist. Sie wird zwar nicht so poetisch seyn, als die seinige, aber klar, kräftig u. grob; das schlüpfrige wird den Franzosen auch gefallen! –
Bis zum 1ten November treffen mich deine Briefe noch in Gotha, alsdann in Cassel.
Clara macht alle Tage Fortschritte, ohne zu spielen. Meine ungeheure Correspondenz mit Weimar, Spohr in Cassel, Prof. Mensing in Erfurt pp copiert sie in das Tagebuch. Wir wollen sehen, ob sie dadurch nicht eben so gut schreiben lernt als in der Bürgerschule.
Sage einmal dem Dir. Goedike, wenn uns Gott gesund erhält u. uns vor der Cholera schützt, können wir noch nicht umkehren, um uns zu entschuldigen. Hummel möchte es sehr bereuen, daß er sich nicht durch Clara hat überzeugen wollen, wie man lesen u. vortragen muß. Seine wohlbeleibte Klavierschule ganz dünn zu machen, ist meine nächste Arbeit. Eine Abschrift davon will ich Schumann schicken – die soll er mit nach Weimar nehmen. Clara heißt in Weimar nur „die ewig Unvergeßliche“. Die dankbarsten Briefe erhalte ich fortwährend von Weimar. F. L. ist selbst von seinen Schülern in Verehrung – erblaßt. Man muß es nur abwarten. „Ist Gott mit uns, so fügt sich alles zu unserer Rechtfertigung“, und haben wir was rechts gelernt, so erkennt’s am Ende ein Schumann noch.
Meine Briefe könnten nun leicht seltener kommen, weil meine schriftl. Arbeiten mich zu sehr abhalten. – Jetzt möchte ich mir einen Secretair halten, der nur immer copierte u. besorgte. Wir treffen hier in Gotha pp mit unseren Reisedienern aus Leipzig zusammen, die dich späterhin besuchen werden, um Dir viel von uns zu erzählen. Auf den Fall, daß Fink aus meiner Phantasie keine Predigt machen könne, um sie als Küster hinter seine oratorischen Recensionen zu stellen, könnte er es abschreiben, weil doch manchem damit gedient sein würde, - wenn auch nicht Fink.
Herrn Emil Wendler, der hier oft gewesen u. durch den wir schon hier bekannt waren, lies gefälligst diesen Brief u. über Chopin vor. Laß ihn zu Dir kommen – er hat Arnstadt gleichfalls sehr lieb. Es liegt sehr romantisch. Hofmeister u. Carus theilt es auch mit. Geht es, was Hofmeister leicht möglich ist, so könnte in öffentlichen Blättern als Comet wohin es paßt – der hat Rubriken dazu – erwähnt werden, daß Clara auf ihrer Kunstreise so gut aufgenommen und so ausgezeichneten Beifall erhält. In der musikal. Zeitung thut es vielleicht Rochlitz. Hast Du nun recht, u. soll ich Clara den Winter im Leipziger Ab. Concert spielen lassen? Beiliegende Recension über Chopin ist nicht gut copiert. Johann mag es deutlicher machen und sein Exemplar in den Brief an Rochlitz einsiegeln. Findet Ihr es interessant, meinen Brief an Rochlitz auch zu copieren, so werde ich mich dadurch außerordentlich geschmeichelt finden. Eben kommt eine Stafette vom Herzog in Weimar, der zum Besuch eintreffen wird, u. Prinz Carl läßt mir sagen, das Concert aufzuschieben. – Welche Concerte aber, Theure, werden uns noch alle begegnen? Hierbei ein Concert-Zettel von hier für Euch. – Es geht um 5 Uhr an, u. der Großherzog kommt auch hinein.
Eiligst
Der deinige
Fr. Wieck
Kommt Herr Mittelhaeuser im Decbr. zu Dir: so bedanke dich für mich vielmals für das Ilmenauer Bier, was er mir scherzweise von Ilmenau hierher nach Arnstadt geschickt. Unser Concert wird ganz glänzend, wie hier noch nicht gewesen. Eiligst später: wir sind eben nach Göttingen eingeladen u. gehen also von Cassel nach Göttingen, wo uns alles mit Freuden erwartet, so wie in Cassel u. Frankfurt a. M. Eben werden wir auch nach Erfurt eingeladen. – Ich will aber aus dem Cholera Lande heraus u. nehme es wahrscheinlich nicht an. Von Gotha u. Erfurt sind zu unserem Concert Wagen eingetroffen. – Das Concert ist gut abgelaufen, u. wir sind zufrieden, gehen morgen um 8 nach Gotha u. i. Nobr. nach Cassel.

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Arnstadt
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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