25.02.2022

Briefe



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ID: 26605
Geschrieben am: Samstag 28.01.1832
 

Frankfurt, den 28. Januar 1832
Liebstes Weib
Unsere Briefe kreuzen sich oft, doch wenn Du mir weiter kein Kreuz auferlegst, bin ich’s zufrieden. Ich schreibe Dir von Frankft. aus wohl heute den letzten Brief. Ich habe hier keine Ruhe mehr – weiß aber noch nicht, wohin, und fange heute an, Eure Briefe zu beantworten, denn Du weißt, wenn der Entschluß einmal bei mir reif ist, gehts auch gleich fort. Erstens: mit Johann habt Ihr es recht gemacht! Schickt lieber das Schönere von Seyffert und macht ächte Bronce aus meinem Secret daran. Studiert es heraus, da alles liegt, so hat ja Johann Zeit. Der Beschreibung des Herrn Gevatters nach ist es ja nicht schlechter als das von Irmler, und da ich es nun wohlfeiler gesetzt habe, so geht es schon. Macht auch an die Lyra Bronce pp. Zweitens: nun könnt Ihr ja die Felsenmühle anschaffen. Ich habe es ja Johann geschrieben. Drittens: Bei Brunner muß Johann mit zu fragen, sonst geht er ja fort. Viertens: Zu Dorn u. Schuster u. Gutmann muß er die Rechnung abgeben. Fünftens: Zu Bayer schickt Ihr laufend die Coupons u. schreibt: ich käme bald nach Hause, wo ich alles abmachen würde, die letzten zwei sollte er aber nicht abschicken, denn die Cholera sey um ganz Leipzig herum u. man erwartet den Ausbruch jede Stunde in Leipzig, wodurch aller Verkehr sogleich aufgehört hätte. Was sollen wir denn mit den Instrumenten machen? Ich kann nichts unterbringen gegen Zahlung, u. in Commission habe ich ja nun so viele stehen, daß mir die Haare zu Berge stehen. Sechstens: Wenn die Summe als baar in meinem Hauptbuche steht, so ist es richtig. Ich weiß gewiß, daß die Kapseln noch nicht eingeschrieben sind, denn sie waren noch nicht da u. wir wollten sie ja Seyffert nur nach u. nach geben. Die Sache läßt einstweilen auf sich beruhen. Wie konnte ich denn die Kapseln verrechnen, da ich die Spesen noch nicht wußte? Siebentens: Mein Kind, Du wird doch Niemand – auch dem Johann nicht – meine Bücher zeigen u. mein Hauptconto, was im Pulte liegt. Um Gotteswillen nicht – das muß er niemals in Händen haben. Achtens: Stellt die Miethinstrumente zu ordentlichen soliden Studenten, wo aber fleißig nachzusehen ist, etwas billiger, aber Pronumeration muß seyn. Neuntens: es soll ja im Leihinstitut seyn.
Zehntens: Die Casseler Instrumente werden notiert als in Commission bei Schnyder von Wartensee in Frankf. a. M. Was mit dem Conrad Graf u. dem Tafelinstrument wird, weiß ich noch nicht.
Elftens: an Güntz folgt hierbei ein Brief. Siegelt ihn zu. Zwölftens: Was helfen Cataloge, wenn keine Liebhaber da sind. Klemm hat ja auch keinen. Ja, mein Kind, das kleine Mädchen mit den blauen Augen möchten wir wohl gerne sehen. Aber was soll ich zu Hause machen? Alles steht still u. meine Unruhe, wenn alles steht u. liegt? Wie satt ich das Reisen habe, kannst Du denken. Es ist mir selbst unbegreiflich, wie ich so etwas aushalten kann. Läßt sich denn Hofmeister nicht das Geld auszahlen? Was macht Weiss? Hast Du ihm meine Briefe vorgelesen? Ihr notiert doch alles genau u. führt über das Magazin andere Notizen als über das Leihinstitut? O Gott, was werde ich ärgerliche Arbeit haben, wenn Ihr nicht alles ordentlich notiert habt. –
d. 29. Mein Herz, es geht fort u. weiter, es ist mir so plötzlich in den Sinn gekommen. Du weißt schon, wie das bei mir ist. Nächsten Sonntag spielt Clara (d. 5 ten Febr.) vor der Großherzogin in Darmstadt. Von da gehen wir weiter, ob nach Mainz oder Heidelberg, Carlsruh u. Straßburg, weiß ich noch nicht. Du adressierst aber deine Briefe hierher, an Mad. Village, durch die sie mir pünktlich nachgeschickt werden. Daß Clara künftige Woche noch einmal hier im Theater spielen sollte, habe ich also insofern ausgeschlagen, als daß zu unserer Abreise, die nun nicht Donnerstag stattfinden wollte, nichts Erhebliches dazwischen kommt. Gott nehme Euch in seinen Schutz. Das scheußliche Halle wird Leipzig wohl anstecken, und die Polen verschleppen nach meiner Ansicht die Cholera schnell u. sicherlich in ganz Deutschland. Hier grassiert auch bereits ein tödliches Nervenfieber. Ich komme von Tische von Madame Speier u. Clara ist noch draußen u. spielt – Kochen. Durch das Frankfurter Journal ist nun Clara in dem ganzen südlichen Deutschland renommiert u. hätten wir Zeit, so würden wir in Mannheim, Heidelberg, Karlsruh, Stuttgard pp viel machen. Jedoch – welche Schwierigkeit – an allen Orten keine guten u. spielbaren Instrumente zu finden. Denn man ist zu sehr zurück in der Kunst des Klavierspiels. Außer Mad. Speier giebt es z. B. hier keinen Dilettanten, der etwas leistet oder nur beurteilen kann. Mein Herz, das ist der letzte Brief aus Frankfurt – von wo aus ich Dir wieder schreibe, weiß Gott. Habe keine Angst – Gott ist mit uns allen. Schreibe an mich nur hierher. Ob ich nach Paris gehe, weiß ich nicht, aber nach Leipzig kehre ich nicht wieder um; ich versäume nichts und Claras Gesundheit u. froher Muth u. Heiterkeit ermuthigt mich, ein wenig vorwärts zu gehen. Bis zum 6. Febr. trifft mich dein Brief also gewiß in Darmstadt, wo wir uns neue Lorbeeren holen wollen, denn die Großherzogin ist eine Kunstkennerin u. Pianistin.
Wir küssen Euch alle von Herzen
dein
Friedrich

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Frankfurt
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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