25.02.2022

Briefe



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ID: 26613
Geschrieben am: Donnerstag 02.02.1837
 

Berlin, d. 20. Febr. [18]37
Mein liebes Tinchen,
wenn ich nicht stückweis schreibe u. tageweis, so kannst Du nicht vollständige Nachricht von mir erhalten. Also d. 25. dieses, welchen Concerttag uns die Gebr. Ganz abgelassen haben, geben wir das 2te Concert, also zum Schreck Mösers vor Clara’s Spiel in seinem Concert. Der jüngere Ganz hilft mir mit besorgen, u. dafür spielt Clara in seinem verschobenen Concert. Die Schwierigkeiten mit Polizei, Censur pp sind hier unendlich; dazu kommt, daß ich klug genug bin, den Schausp. Saal u. Akademiesaal nicht zu nehmen u. also Hotel de Russie nehme zu 350 Personen – dazu unendliche Freibillette – kurz hier ist gar kein Concert zu geben, um Vorteil zu haben, sondern bloss um über sich schreiben zu lassen; dazu die Plagen, daß Clara gratis spielen muß. Aber was sagt Ihr: jede Annonce pp, jede kleine Abänderung muß 5 mal geschrieben werden und das Vidi u. die Censur durch 4 Behörden machen, ehe es in die Zeitungen darf, dazu gehört nun jeden Tag wenigstens 2 Stunden Zeit und unendliche Lokalkenntnisse der Bureaus und Behörden, die einen immer in der Gewalt haben u. es hindern können, wenn sie wollen. Aber nun, welches Geld kostet es? – In der Voraussetzung, daß Du diesen Brief an Banck schickst, sage ich hier, daß ich gestern B’s Brief erhalten u. er die Antwort eben aus den Zeitungen ersehen kann. Programme lasse ich aber nicht einrücken, denn es ungeheuer theuer.
d. 24. Gestern Abend waren wir wieder bei Richters – es ist der einzige Ort wo wir hingehen. Zur heutigen Vorlesung von Carl von Holtei haben wir 2 Einladungskarten erhalten. Gestern ist mein Lohnbedienter nicht zur rechten Zeit gekommen, u. so steht unser Concert heute nicht in Zeitungen (u. der Tag vorher ist eben der wichtigste Tag) wodurch wir ein leeres Concert machen können – das fehlte noch. Hier in Berlin ist jede Bedienung über alle Begriffe schlecht u. verdrießlich u. ungefällig. – Clara leidet sehr an Augen – Richter kuriert sehr an ihr herum und kommt alle Tage. Sie geht sehr wenig ins Theater – es ist auch gar zu schlecht – ich gehe gar nicht hinein – war bloß in dem ersten Akt der Fanchon um gleich für die ganze Reise curirt zu seyn. Wir raisonieren über das Leipziger Theater, aber Beckmann tritt morgen zuerst wieder in der Königsstadt auf – da strömt alles hin, u. thut uns schaden. Möser verlangt eben 15 Billette für sein Quartett. Ich lasse ihm aber sagen, sie könnten wegbleiben – wir wären selbst ein Quartett. Ich dachte gar: mehr Freibillette, als der Saal fassen kann? das kostet hier ungeheuer Strafe auf der Polizei.
d. 25. früh 7 Uhr. Nachdem ich die ganze Nacht nicht geschlafen, weil ich zu sehr erregt war. Triumph, Triumph, Clara hat gestern Abend Furore gemacht. Ein 1 ½ stündiger Donner und furchtbares Bravissimo hat Clara’s herrliches Meisterspiel belohnt u. alle Kabalen sind vernichtet. Jetzt mögen einzelne noch krächzen – es schadet nichts: das Publikum hat entschieden u. wie? Solchen Beifall hat Paganini hier nicht gehabt. – Nach dem 2ten Stück wurde sie jedesmal empfangen. Möser u. seyn verfluchtes Quartett, was mich turbieren wollte u. 2 Tage schon gethan hatte und so unverschämt war, 15 Freibillette zu verlangen (5 RL in die Witwenkasse noch extra) habe ich vor Anfang des Concerts fortgeschickt u. mein herrlicher großer Künstler Bader hat dafür gesungen, was dem Publikum viel lieber war. Was ich hier erlebt habe, kann ich nicht schreiben, das werde ich mündlich erzählen. – Wie ich aber auf Möser u. diese Kammermusiker u. Scheißkünstler hier gewirkt u. ihnen imponiert habe – das war auch noch nicht da in Berlin, u. alles ist stumm und versteinert. Diesen Lumpen habe ich gesagt: sie sollen garnicht die Ehre haben, einer Clara auch nicht gratis zu accompagnieren, Clara will keine Note mit ihnen spielen, nicht in ihren theuren 300 RL Sälen Concert geben, sondern sie wird in bloßem Solospiel dem Publikum zu genügen wissen, und sie sollen nicht in ihre Concerte ohne Billette kommen. Übrigens wäre sie selbst ein Orchester, und das Publikum mit diesem Orchester zufrieden. Die sollen noch viel Neues erleben, was sie noch nicht wissen, wenn nur meine Tochter gesund bleibt. Ach, es ist so viel zu schreiben, doch meine Arbeit ist furchtbar, Clara spielt alles auswendig – das Publ. ist außer sich – u. Rellstab trippelt immer vor Angst. Laß Schumann durch Reiter melden: Clara hat gespielt. d. 16. Concert im großen Opernhause, d. 25. 2tes Concert im Hotel de Russie (wo Bader u. Zschiesche herrlich gesungen haben), den 27. im Concert von Möser, d. 1. März drittes Concert im Hotel de Russie, d. 4. März im Concert von Gebr. Ganz, den 6ten März wieder im Hotel de Russie 4tes Concert. Noch einmal, verlangt jetzt von mir nichts, ich setze dafür hier etwas durch, was noch keiner gekonnt hat. Clara leidet an den Augen durch den vielen Glanz der Lichter, u. fast alle Nägel sind gespalten – aber die Finger thun nicht weh. Gott erhalte uns: es ist ein schönes Gefühl, den Leuten zu zeigen, daß Clara da ist. Alle Blätter sind voll von Clara – was werden sie nun erst schreiben? Ist das nicht schon für Leipzig? Schreibe mir, ob etwa ein Artikel in die politische Zeitung von Clara kommt. – Eben muß ich den Concertzettel zu Mittwoch machen, Sänger einladen, Polizei pp; nun ich will einmal siegen u. habe gesiegt. Morgen sind Clara’s sämmtliche Compositionen in Zeitungen angekündigt. Ich bin nur neugierig, wie sich Rellstab machen wird in seinen Recensionen, u. was er tadeln wird, welch schlimme Stellung für ihn. – Taubert sein intimster Freund. Mit der Sonate von Beethoven hat Clara alles übertroffen, was sie je geleistet – der Sturm des Beifalls war fürchterlich – auch schon nach der Fuge von Bach pppppp. Um Clara’s Bravour-Variationen (die sie d. 1. März zum ersten mal öffentlich spielen wird – aber Kinder – es ist unerhört, welche Werbung diese machen u. wie Clara diese bereits spielt) haben sich bereits 3 Verleger gemeldet u. bieten hohes Honorar. Frage Hofmeister, ob ich sie ihm verkaufen soll, und wenn er sie haben will, wie viel er geben will (es werden 3-4 Bogen) – aber neue, neue, neue Bogen. Die Art wird wieder halten. – Mußten wir nicht nach Berlin gehen? Um Gotteswillen, die Clara wäre ja vergessen worden.
Eilig Friedrich Wieck

Schick den Brief an Banck.
Ein Instrument ist verkauft nach Stargard in Pommern. Der dortige Musiklehrer Weber ist besonders 20 Meilen weit dazu hergekommen, um auch von Chopin u. Bach zu hören. Schicke mir sogleich den Mahagony-Tomaschek wieder durch Freigang (quer über) 18 RL pro Centner. Hier sind große Geschäfte zu machen. Tomaschek wird doch schicken? wieder an den Spediteur Henze wenden nur mit Freigang. Gelegenheit ist alle Tage. Ich kann es doch sehr gut hier verkaufen. Bader u. Zschiesche – die sind Künstler u. welche Menschen?

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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