25.02.2022

Briefe



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ID: 26615
Geschrieben am: Donnerstag 09.03.1837
 

Berlin d. 9ten März 1837
Liebes Tinchen,
Banck hatte mir schon von diesem Gehörsmann geschrieben. Du weißt ja schon, dass ich alles genehmige, was zum Wohl meiner Kinder dient. Also macht es – ich habe nur die Bedenklichkeit, dass so eine Maschine bei Alwin nachtheilig wirken könnte wie bei Beethoven, dass nämlich die schwachen Gehörwerkzeuge dadurch so angestrengt würden, dass um desto schneller gänzliche Taubheit erfolgte. Doch der Mann schreibt ganz verständig und thue es in Gottes Namen. Mein liebes Tinchen, übermorgen 3te Soirée – Kabalen thürmen sich von allen Seiten – Möser, der in 8 Tagen mit seinen dummen Jungen nach Leipzig kommt, um sich von 50 Menschen im Concert auslachen zu lassen, und welchen niederträchtigen Berliner Hund ich hiermit bestens empfehle, arbeitet Tag u. Nacht, um uns alle Unterstützung zu nehmen, es hilft aber alles nichts – wir geben die letzte Soirée noch nicht – und der gute Zschiesche u. Bader u. Mantius stehen uns täglich zur Seite, eben hat der Cellospieler zu Beethovens grossem Trio op. 97 absagen lassen; nun spielt Clara dafür mit Ries, der wieder todtfeind mit Möser und der elenden Geensin ist, Beethoven Sonate op. 47 – schon ist es in der Druckerei wieder geändert Kreutzer-Sonate – Lohnbediente springen beständig.
Der Hof hat bis jetzt noch garnichts für uns gethan, da wir nicht im Schauspielhause Concert geben wollen. Alle Concerte sind hier elende Spiegelfechtereien – bei Ganz blieb wieder die Hälfte weg – der scheussliche blinde Flötenbläser liess vorgestern sein Concert geben u. kam garnicht – er war zu Hause besoffen. Kurz – es ist dieses scheussliche Musiktreiben hier nicht zu beschreiben. Nur ich stehe fest, u. alles Schimpfen von Rellstab, der uns gern mit einem großen Concert, wo uns alles verließe, in Schimpf u. Schande stoßen will, bewegt mich nicht von meinen einfachen Soiréeconcerten, wo Clara im Nothfalle, wenn uns alles verläßt, allein spielen und die Sänger von Clara accompagniert (ein Sch---- accomp. hat uns auch in der letzten verlassen) singen können u. wir also kein Concert zu verlegen brauchen. – Es freut mich, daß Clara in der Leipz. Ztg. bereits erwähnt ist – man kann hier den Correspondenten nicht erfahren – es geschieht auf diplomatischem Wege. Unsere Feinde u. Neider in Leipzig erhalten eine derbe Lektion. Die Voigt soll ja furchtbare Klatschereien über Clara in Leipzig verbreiten? Fertige Du sie mit großer Kälte, Vorsicht und Verschwiegenheit ab – u. sage blos, „Sie wissen ja schon alles aus den Zeitungen“. – Clara giebt eine Soirée auf die andere u. läßt sich durch nichts irre machen. – Die Berliner Kenner sagen einstimmig, daß sie so einen Klavierspieler noch nicht gehört haben, punktum! Clara leidet seit 4 Tagen an furchtbaren Zahnschmerzen – meine Todesangst bei Concertgeben. Sie hat sich gestern Abend bei Richter den kranken Zahn herausnehmen lassen, aber klagt doch heute noch. Es ist die unbegreifliche scheußliche Gicht – nun ist es aus dem Kopf, Augen u. Händen u. nun sitzt es in den Zähnen – dafür hilft in der Welt garnichts – Homöopathie vollends nicht – vielleicht ein Bad oder unsere künftige Sommerwasserkur – so Gott will. Clara arbeitet eben mit Dehn die gelehrtesten Fugen u. macht ungeheure Fortschritte.
Eiligst für heute.
dein Fr. Wieck

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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