25.02.2022

Briefe



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ID: 26616
Geschrieben am: Montag 20.03.1837
 

Berlin, d. 20. März 1837 am
Tage des letzten Concerts

Liebes Tinchen,
Gottlob! Aber der heutige Abend muß erst überstanden seyn, wo Clara wegen Kabalen von Möser wieder alles solo spielen muß u. auswendig, weil sei einmal so angefangen hat. Spontini kommt heute zu uns. Es gefiel uns gestern sehr bei ihm – Clara’s Variationen hält er für das größte u. schönste Musikstück der Bravoura der neuesten Zeit. Wir können den Flügel morgen früh nicht einmal zum Stadtrath hinschicken – Spontini will die Clara noch Dienstag u. Mittwoch privatim bei uns hören. Was heute passirt, war in Berlin noch nicht da, nämlich Quartett bei Ries, - Sinfonie bei Möser, wo er noch dazu die Preissinfonie von Lachner angesetzt u. Spontini, D. Spieker, Schmidt pp persönlich eingeladen hat, nicht zu mir sondern zu ihm zu gehen, Capoluti in der Königstadt, u. ein fremder Virtuos giebt Concert im Kammermusiksaale, wozu doch vor 5 Tagen Billete geholt worden sind. – Du erhältst jetzt durch Banck 2 Briefe, aber ich erhalte wenig von Dir. Wenn Du mir nur geschrieben hättest, ob der Tomaschek angekommen? So ein Instrument hätte ich doch gern in Hamburg spielen lassen. Cranz schreibt, obgleich das Publikum durch Bettelconcerte, die alle leer u. schlecht gewesen wären, so abgehetzt wäre, daß man das Wort „Concert“ garnicht mehr nennen dürfte, so freute sich doch alles auf die „herrliche Clara“, u. es würde sich ein großes Concert im Apollosaal machen lassen. Was so eine Staatszeitung wirken kann auf so einen großen Flegel. – Heute morgen 8 Uhr (Clara schläft noch) schneit es wie im Winter u. das ist mir sehr nachtheilig, denn die Concertbesucher können nicht zu Fuß gehen – da gehen sie lieber garnicht. Nun, leer darf es nicht seyn, der Saal faßt aber 500 Menschen. Hätte ich eher Hand ans Werk gelegt, so käme Clara mit einem Titel zurück, nun, wir wollen sehen, wie Brühl, Redern, Spontini pp operiren. Versprochen ist uns alles. – Also, mein Tinchen, Ende April bin ich wieder bei Euch – mich treibts zu Hause, u. soll ich auch einige Concerte im Stich lassen. Es nimmt aber zu viel Zeit weg. Wir spielen bloss noch in Bremen.
Mittags. Eben habe ich deinen sehnlichst erwarteten Brief erhalten. Hättest Du mir die Ankunft der 2 Tomascheks gemeldet, so hätte ich einen nach Hamburg gehen lassen – nun ist es zu spät. Was denkst Du – hier hätte ich 10 Stück verkaufen können. Aber ich bringe dafür die Bestellungen mit. – Sey ganz ruhig, ich muß aus mehr als einem Grund zu Hause u. in deine Augen und Arme. Du hast ja auch zu viel Sehnsucht. Schon in 4 Wochen melde ich Dir meine Abreise – was willst Du mehr? Du mußt doch die Klatschereien von der Voigt viel eher wissen als wir? Claras Zahnschmerzen sind vorbei – mit Gott wird auch das Concert vorüber gehen. Durch Banck erhältst Du 2 Briefe – diesen brauchst Du nicht an ihn zu schicken.
d. 21. früh halb 7 – Die Königin schläft natürlich noch. Triumph, Triumph, mein Tinchen, Clara hat über alles gesiegt, über Möser, über die sie verlassenden Kammermusiker, über molchige u. giftige Recensenten, über neidische Hunde – kurz – Clara hat Solo gespielt vor 500 Menschen im Jagowschen Saal (mehr faßt er nicht) mit beispielloser Furore. – Sie wurde empfangen, und das feinste Publikum Berlins war versammelt. – Feuerrothe Zettel wurden herumgegeben, wie folgt „wegen der auf heute angesetzten Möserschen Symphoniesoirée sind die Herrn Kammermusiker, welche mir ihre gefällige Mitwirkung zugesagt hatten, verhindert, ihr Versprechen zu erfüllen. Infolgedessen werde ich auch statt des Capriccios brillant (op 22) die Caprice (fis moll) für Pianoforte allein von F. Mendelssohn Bartholdy spielen. – Der königl. Sänger Herr Mantius hat die Güte, unter Nr. 6 „Mignons Lied“ von Spontini vorzutragen. Clara Wieck.“
Nun siehe, die Butterbemme fällt mir immer auf die geschmierte Seite. Möser kündigt nun heute zu übermorgen, Donnerstag, noch 1 Tag vor seiner Abreise nach Leipzig, noch ein Concert „Beethovens Vorfeier“ an. Alle sagten im Saal u. bestürmten uns, daß Clara auch übermorgen noch 1 Concert geben u. so den ganzen Monat April durch fortfahren möchte. Jetzt muß es alles seyn und ich habe bloss zugegeben, daß, wenn unsere Freunde, Bader, Mantius, Zschiesche pp ein Concert für die Armen ankündigen wollen, Clara Beethoven Trio u. ihre eigenen Variationen, welche hier Furore machen, spielen würde. Siehe, hier könnten wir nun 1000 RL mitnehmen, aber wir müssen in Hamburg unser Wort halten – es hilft nichts, alle Hamburger Blätter schreiben schon davon. Die Direktion erwartet uns, nachdem ich es vor 8 Tagen fest zugeschrieben habe, und wir müssen diesen scheußlichen Weg von 80 Meilen machen, um vielleicht etwas zu gewinnen, was wir hier eigentl. schon in der Tasche hätten. Doch, es bleibt uns: Berlin wird eine Goldgrube für uns – ach u. mein Geschäft!! Und ich mußte also derjenige seyn, welcher diesen Möser, vor dessen Bosheit sich ganz Berlin fürchtet – selbst Spontini – so demüthigt und diesen Rellstab, welcher gestern in der Vossischen zur Anhörung der Preissinfonie das Publikum auffordert und uns ernie[drigt]

[Ende des Briefes fehlt]

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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