25.02.2022

Briefe



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ID: 26618
Geschrieben am: Donnerstag 02.11.1837
 

Prag, d. 2. Novr. [18]37
Liebe Frau,
vorgestern Abend sind wir hier angekommen, im Engel abgestiegen, gestern wieder ausgezogen u. wohnen nun im Schwarzen Ross (hier der erste Gasthof u. ein billiger Wirth) in einem großen, schönen Zimmer, mit Alkoven. – Berra u. einige andere, an die wir Empfehlungen haben, sind krank oder nicht da. Die Professoren des Conservatoriums u. Berra haben uns sehr gut aufgenommen u. der närrische Tomaschek, der nichts passiren läßt u. namentlich keinen Klavierspieler (er ist der erste Klavierlehrer u. Komponist hier) ist wenigstens sterblich in die Clara verliebt, denn sie spielte ihm gestern Abend ein Allegro di Bravura (ein neues Manuskript von ihm u. schlecht geschrieben) – nun, sie spielte es ihm vom Blatt. Das Orchesterspiel auf dem Klavier will er garnicht passiren lassen – nur von der Clara – es ist die alte Geschichte. Ich habe mir doch garnicht überlegt, daß ich zu wenig Geld habe, wenn wir hier nicht spielen u. die seichten 4 h Stücke gelten hier zu wenig. Meinen Flügel hatte Berra ausgepackt, damit wir nicht etwa abreisen sollten, wozu einige abriethen, hier Concert zu geben. – Der Naue u. Kemple waren in Tetschen 4 Stunden von Teplitz, bei dem Grafen Thun – wir wären beinahe auch hingereist u. hätten da schöne Empfehlungen bekommen für Prag. Es ist aber noch gar kein Adel hier, was sehr übel für uns ist u. uns bestimmen kann, nur im Theater zu spielen. Du wirst mir nun hierher schreiben (Adr. im Schwarzen Ross) aber den Brief nicht in den Briefkasten werfen lassen – er muß bis an die Grenze frankirt werden. Nein: Adr. Marco Berra – wenn wir etwa abgereist wären. [Clara schreibt]
Liebe Mutter, ich werde fortfahren. Eben fährt der Fürst Temitoff sechsspännig fort, derselbe, der täglich 8000 RL zu verzehren hat. Gestern Abend kam er an und nahm für eine Nacht 19 Zimmer, gäbe er mir nur den Gehalt von einem Tage, - ich wäre zufrieden. – Aus Dresden kann ich Dir wohl garnichts schreiben, was Du nicht weißt? Vater hat ja alle Tage geschrieben! – In Norma war ich, wo die Schroeder zum ersten Male wieder auftrat und alle Verleumdungen des Kapellmeisters Reissiger zu Schande machte. Letzterer hatte verbreitet, sie hätte die Stimme verloren etc. Ich habe die Schroeder besucht und wurde dazu eingeladen bei Carus wo sie einen Abend war und ich ihr Gesänge vom Blatt begleitete, weil Reissiger meinte, er könnte sie nicht begleiten aus Rache, weil die Schroeder wieder in einer Italienischen Oper auftrat, die Morlacchi dirigirte. Einen Tag zuvor, ehe wir von Dresden abreisten, besuchte uns auch der Kapellmeister Täglichspeck, der im Begriffe ist, nach Leipzig zu gehen. Du kennst ihn ja doch gewiß von früher her? Auch Vieuxtemps, Kummer und Kotte werden nun in Leipzig angekommen seyn und alle wollen Conzert geben – das wird ja ein ungeheures Leben in Leipzig! – Dessauer trafen wir nicht in Teplitz, wo wir einen halben Tag blieben, an; er war nach Tetschen gereist und zwar der Miss Kemple nach. Letztere war in Dresden und man macht viel Geschrei von ihr, doch im allgemeinen kam heraus, daß sie bei allem kalt läßt und auch eine häßliche Angewohnheit hat, daß sie alles Mezza Voce singt – sie singt nämlich – und daß das Hauptgeschrei von ihrem Vater ausgeht, der sagt, seine Tochter sey eine 2te Malibran und er sucht für seine Tochter ein Engagement mit 30 000 RL für die Saison, außerdem singt sie nicht öffentlich. – Man redete uns in Dresden und Teplitz sehr zu, nach Tetschen zu gehen, um von dort Empfehlungen nach Prag und Wien zu erhalten. Es wohnt nämlich der Graf Thun (einer der ersten adligen Personen Prag’s) dort im Sommer auf seinem Schloß, und kommt noch nicht sobald von dort zurück. Wir glaubten zu viel Zeit zu versäumen, sonst wären wir hingegangen, was freilich besser gewesen. Auch Burggraf Coteck (die erste Person in Prag) war in Teplitz, doch Vater wollte nicht erst alle Koffer öffnen, um sich einen Frack auszupacken. – Eben war Pixis hier und es wird sich wohl morgen entscheiden, ob wir Concert geben, im Theater spielen oder durchreisen, - Prag ist eine ungeheure Stadt; groß, alterthümlich und der Hradschin ist das Großartigste, was man sehen kann. Oben waren wir noch nicht, haben doch aber das Schloß liegen sehen.
d. 3. Heute hat sich’s nun endlich entschieden, daß wir Sonntag über 8 Tage Concert im Saale des Conservatoriums geben. Einige Beschützer habe ich bereits gewonnen in den Herren Pixis und Tomaschek. Die Künstler kommen uns hier alle freundlich entgegen, bis auf die, die krank oder verreist sind. Das Publikum ist hier außerordentlich enthusiastisch, unter 3-4 mal Herausrufen scheint keine Vorstellung vorüber zu gehen.
Gestern waren wir im Liebestrank von Donizetti, es war eine Vorstellung unter der Kritik. Madame Tothorsky (dieselbe die in der Zeitung immer so gelobt wird von hier aus) ist eine Sängerin, die weder zum anhören noch ansehen erträglich ist. Eine ausgesungene Stimme, eine Subrette, die mit jeder Bewegung das Publikum zum Beifall herausfordert, immer auf dem Theater wie eine Drahtpuppe herumtanzt, und nur weiter nichts gelernt hat, als ein bischen Coloratur. Was soll man aber zu solchen Berichterstatter sagen? denn wahrlich, so schlecht hab ich’s noch nirgends empfunden. – Einen Gefallen thue mir: heb die Zeitungen von Schumann immer recht sorgfältig auf, wenn Du sie gelesen, und schreib mitunter was daran.
Hier liest man die Zeitung 2 Monate später. Wie befinden sich meine Goldfischchen? Vergißt Du sie nicht? Spielt Mariechen fleißig und Cielchen? Du schreibst ja schrecklich wenig. Was wurde im gestrigen Abonnements-Concert gegeben? man kann hier keine ausländische Zeitung zu lesen bekommen. Täglich haben wir hier einen Brief von Dir erwartet.
[Wieder Wieck’s Schrift] d. 4. Novbr. Wir nehmen die sehr ehrenvolle Einladung an im Conservatorium d. 12. Novbr. Concert zu geben, wo wir Orchester u. Saal gratis haben. Ein anderer Saal kostet 80 RL u. wir haben keine Empfehlungen mit, u. aller Adel ist noch auf seinen Gütern der Jagd wegen. Selbst der Oberst Burggraf ist nicht da. D. 14. wollen wir alsdann nach Wien abreisen. – Der hiesige Tomaschek ist sehr schön – ich schicke denselben zu Dir – er ist extra wie Nr. 17. – Wollte Clara, die nur unter Musikern gekannt ist, hier bekannt werden, so wäre ½ Jahr nötig – Blätter giebt es nicht – in die Politische Zeitung kommt sie nicht, u. fremde Zeitungen werden selten gelesen. Auf dem Theater zu spielen, ist der Director nicht zu bewegen, würde uns auch nichts abwerfen. Clara mag die Zeit benutzen, sich für Wien vorzubereiten. Privatcirkel wegen Künstler giebt man hier nicht. Die Klavierspielerin Bahrdt ist sehr freundschaftlich gegen uns u. läuft herum, uns Personen zu verschaffen, die sich an die Spitze von Subscriptionen stellen, da wir keine Briefe mithaben. Morgen essen wir bei Pixis – übermorgen bei Tomaschek, von dem Clara eine Dithyrambe in ihrem Concert spielen wird. – Du hast noch nicht geschrieben. Ob Du noch einen Brief von hier erhältst ist zufällig. Ich will diesen hier abschicken, ohne einen von Dir erst noch abzuwarten. Wir essen hier an Table d’hôte, müssen aber nach dem 2ten Gericht fortgehen, sonst müßten wir uns zu Tode essen. Denn ich bin sehr verschleimt, seit ich zu wenig Wasser trinken kann. Butterbrot Abends giebt es nicht – da wird man ausgelacht – alles warm – oft Essen – viel u. immer Essen. Weder Habern noch Rittersberg noch sonst einer, außer den Professoren des Conservatoriums, kommen zu uns.
dein
Fr. Wieck
Du weißt: warum wir nicht nach Wien eilen, da hier mit den Concerten nichts ist? Wir müssen hier Empfehlungen nach Wien zu bekommen suchen – wir haben viel zu wenig.

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Prag
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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