25.02.2022

Briefe



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ID: 26619
Geschrieben am: Dienstag 02.01.1838
 

[Wien] d. 2. Jan. [18]38
Liebe Frau,
Du sollst doch einen kleinen Begriff von unserem Treiben erhalten d. 31. Decbr. konnten wir wegen 10 Grad Kälte nicht in Wagners Kaffeehaus in den Prater kommen u. gingen deswegen auf die Eisenbahn, welche großartig ist u. ganz andere Unterlage hat als die Leipziger.
d. 1. Januar Dinée u. Musik bei Vesque de Püttlingen, bedeutender Mann in der Staatskanzlei bei Metternich u. Opernkomponist. Heute bei Graf Amadé große Soirée, morgen Trio bei Merk u. Meiseder, d. 4. Einladung zum Fürst Esterhazy, englischer Botschafter in London – jetzt hier, hat 30 Millionen Schulden u. doch noch mehr zu verzehren als der König von Sachsen. Blaigrove spielt auch bei ihm u. er läßt auch den Abend die französischen Schauspieler, welche jetzt hier sind, spielen. Ich bin doch neugierig, was der zahlen wird. Gestern hörten wir in dem Concert des Blaigrove, welches aber ohngeachtet Holz alles in Bewegung gesetzt u. 14 Tage lang große Zettel angeschlagen wurden pp., doch leer war, die Sallomon eine Phantasie von Thalberg spielen – sie ist eine geschickte Spieluhr. Ihre Partei klatschte sehr – aber es ging wohl – es geht aber nicht. Man hat es ihr sehr Verdacht zu spielen, so lange Clara in Wien vergöttert wird. Clara componirt ein ungarisches Rondo für Pesth. Die Verleger hier wollen alle etwas drucken von Clara. Die Besuche sind wahrhaft endlos, mehren sich mit jedem Tage – was soll nur werden – sie kann bloß Abends von 9-11 Uhr componiren, wenn wir nicht geladen sind. – Wir haben hier fortwährend 9-10 Grad Kälte – die Wiener setzen aber doch keine Mützen auf. –Unser Tagebuch ist merkwürdig.
d. 4. Das ist ein Concert – die Leute schlagen sich um die Sperrsitze und alle übrigen Concerte sind leer; aber sie lassen doch nicht ab, und jeder ist so verblendet, daß er das Recht zu haben glaubt, auch so ein Concert machen zu können. Der Staatssekretär Pilat (beim Fürst Metternich) läßt der Clara heute anbieten, daß er ihr Concert in einer Zeitung „Österreichischer Beobachter“, den alle Diplomaten in ganz Europa halten müssen, da es die Zeitung von Metternich ist, anzeigen u. auch einige Worte über sie hinzufügen wolle. Diese Ehre ist noch keinem Künstler widerfahren außer der Sonntag. Der nicht vermögende Graf Amadé hat der Clara ein wunderschönes Armband für die Soirée geschickt, u. die Millionärin Pereira, die jetzt von Paris hat für 100 000 RL. Möbel kommen lassen, u. bei der Clara 3 mal vor 150 Personen gespielt hat, schickte ein paar lumpige hohläugige Ohrringe. Wir haben nicht für nöthig gefunden, uns dafür zu bedanken – um 100 Personen, die beleidigt sind; thut nichts – überhaupt sind sie hier gleich beleidigt, wenn man bei ihnen gewesen u. den Tag darauf nicht die Aufwartung macht; dazu haben wir niemals Zeit, auch nicht zu Locken, großen Schleppkleidern u. dicken Hintern. – Heute sind 200 Diplomaten bei dem Fürst. Das wird uns vielen Schaden thun – es kann aber nichts helfen.
Die Sophie ist wieder gesund – Hofconcerte werden arrangiert und – wer weiß wann wir fortkommen. Döhler ist noch hier u. scheint Angst vor Paris bekommen zu haben. Der Meiseder u. Merk beten die Clara an, u. wir waren gestern bei Champagner sehr vergnügt bei ihnen. Maiseders 2tes Trio spielt Clara vom Blatt zum Erstaunen, so wie überhaupt ihr Blattspiel auch ungeheueres Aufsehen macht. Mit Pesth ist es zweifelhaft, ungeachtet aller Einladungen – im Theater ist keine Controlle u. zu niedriges Entrée, übrigens kleiner Concertsaal für 3-400 Menschen, und mit 3 Wochen Aufenthalt u. Separat Eilwagen hin u. zurück sehe ich nicht ab, wie wir mehr als 600 RL übrig behalten wollen. Na das Spiel privatim für 6-8 Ducaten kostet auch Finger u. Clara wird zu sehr gemißbraucht u. muß zu viel spielen. Ein Concert hier mehr u. – wir haben Pesth nicht gesehen, besonders da der Weg dafür so schlecht ist – auch Grätz kann sehr leicht leer ausgehen. In Pesther Zeitungen steht: „Clara Wieck, die große Pianistin und die liebenswürdigste wird hier, nach Beendigung ihrer Concerte in Wien, erwartet“. Das wird ein Gaudium für unsere Enthusiastin seyn! d. 5. Heute schon steht im Pesther Beobachter: „Clara Wieck, die durch ihre hinreißende Genialität im Spiel alles zur Bewunderung zwingt“ pp – daß weiß in 4 Wochen ganz Europa. Im Telegraph steht ein merkwürdiger Aufsatz über „Clara W. ein musikalisches Bonmot.“ Der Fürst Ersterhazy war discret genug, Clara nicht zu viel spielen zu lassen – er ist überhaupt ein sehr liebenswürdiger Mann. Clara spielte auf einem kleinen Theater, worauf nachher französische Comödie gespielt wurde, die wir aber nicht abwarteten, sondern um 12 Uhr zu Hause gingen. Honorar: 25 Ducaten in einem wunderschönen Schmuckkästchen. Die 200 Sperrsitze sind alle weg – wir haben neue angelegt. Auf den Montag wird (zum Schein) das 4te u. letzte Concert angekündigt. Clara wird darin spielen Fantasie von Liszt u. d von Thalberg u. Lacidarem von Chopin. Wahrscheinlich kommt mein Aufsatz in die Theaterzeitung, das wird Lärm machen. Henselts dmoll Etüde „der Sturm“ haben wir von einer Gräfin erhalten. Die Eichhörner spielen bei uns – Lendel habe ich den Concertzettel geschickt und Etwas für Dresdner Kartoffelsäcke geschrieben. Indessen die Privatcorrespondenzen thun die Hauptsache. Fürst Metternich sprach gestern Abend wieder mit uns. d. 6ten Gestern Abend habe ich einen Brief erhalten, aber vieles ist nicht beantwortet, z. B. hat denn Henselt Clara’s Variationen noch nicht gesehen und gespielt?
Eben schickt Esterhazy 25 Dukaten in einem schönen Kästchen – schon dagewesen. Wenn Clara jetzt Zeit hätte, würde sie viel u. schön componieren. d. 7. früh Ach, das ist ein schwerer Tag – ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können. Clara kann ja nicht wieder so gefallen als im 2ten Concert; Gott u. diese Menge Menschen, welche nicht Platz haben. Wenn es nur glücklich vorüber geht. Wir haben müssen gestern Abend neue Sperrsitze auf dem Orchester (weil wir keine Musiker haben) anlegen, das wird einmal ein Gedränge werden. In einem Leipziger Blatte steht: „die ungeheueren Lobhudeleien in Wien werden unsere Clara ganz verderben.“ Ihr Luders alle, ihr hättet wohl noch gern gesehen, daß Clara so unbekannt bliebe, wofür Ihr so freundlich gesorgt. Also, nicht einmal so viel Patriotismus habt ihr? Ach, u. wie müssen sich diese edlen Freunde alle grämen, daß nun Clara’s Compositionen solchen Abgang finden?
Freilich, auf Fink’s u. Beckers Recensionen hätten sie nicht die Bleinatur verloren.
d. 8ten. Der 4te große Triumph gegen die Thalbergianer, Neider u. lumpige Lehrer. Das war ein Gedränge – 800 Menschen? Meine 8 Billetabnehmer haben Ohrfeigen u. Prügel ausgetheilt nach dem Takt – falsche Billets, nachgemachte, ohne Bill. sich hineindrängen pp, ich wäre in Interesse gewesen, wenn ich nicht furchtbare Angst u. Herzklopfen gehabt hätte, weil die Leistung der Clara heute zu groß war u. obendrein ihr Hexenchor u. das Vöglein [Etüde von Henselt] wiederholen mußte. Alles übrige fiel heute durch – die Sänger u. auch die Eichhorns, was mich dauert. Ihre Zeit ist vorbei – das Publikum will diese Spielereien nicht mehr u. er kann durchaus nicht zum Auftreten kommen, da nun noch dazu Clara Mode geworden u. alles zurückdrängt. Aber, nun mein Kind, geht es im Theater los, sie kommen von selber – wir aber haben bei diesem Gedränge noch nichts gesehen u. genossen u. wollen diese Woche wenigstens in einige Theater gehen. Was aus unseren classischen Matineen, wovon 3 auf einmal angekündigt werden sollen, wird, weiß ich noch nicht. Wenn Merk u. Meiseder, die beide in Clara verliebt sind, mitspielen, möchten wir es thun. Aber ich glaube, wir kommen im Kärntner Theater besser weg; er hat für jedes mal 300 Th 20 Xr geboten u. könnten 6-8 mal spielen. Und ich hätte auch nicht so viel Sorge. Freilich, heute sind 1000 Th Überschuß. Den ganzen Handkorb voll 20 Xr an der Kassa, die schon früh um 10 Uhr fast gestürmt wurde, so daß wir einen Polizeidiener holen mußten, hättest Du sehen sollen – das wäre etwas für dich gewesen. Aber diese drei 20 Xr ist hier nicht mehr als bei uns 8 gr. so wenig Werth hat hier das Geld bei den Leuten, die unsre Concerte besuchen, Leute, die fast nie hineingehen. Der Prinz von Würtemberg, Fürst Lobkowitz, Palog pp saßen auf den ersten Bänken. – Die Cibbini besuchte uns gestern Abend u. sagte, Clara hätte nunmehr den Thalberg ganz geschlagen. Die Sonate von Beethoven hat zu großes Aufsehen gemacht. – Eben werden schon wieder die ersten Bänke zum 4ten Concert bestellt. Das lasse ich mir gefallen – 14 Tage vorher, wenn man eben aus dem Bette steigt.
d. 8. Nachmittags
Wie kannst Du aber unbedingt meine Briefe lesen lassen? das geht durchaus nicht – ich schreibe ja mannigmal Sachen unter 4 Augen u. meine Briefe sind ja zu eilig geschrieben. Was ich neulich über Schumann geschrieben, ist wahr, aber er soll nicht eben wissen, daß seine Gleichgültigkeit gegen Clara’s Ruhm mich so sehr kränkt. – Sein Carneval ist bei uns aufgeführt worden vor großen Kennern u. hat furore gemacht u. weil man hier viel spricht, klatscht, erzählt, läuft, besucht, so ist sein Name als Komponist schnell bekannt geworden. Die Sonate [fis moll op. 11] hat Clara auch vorgespielt, wurde aber natürlich nicht so allgemein verstanden. Die Baronin (seit 20 Jahren als die größte Beethovenspielerin bekannt) so wie die Cibbini, haben laut im Saale dort, als das Concert aus war, erklärt, daß diese Sonate noch nie in Wien so geistreich und großartig vorgetragen worden wäre – u. man sagt uns, damit wäre Clara’s Ruf in Wien nun auf das Höchste gestiegen. – Sollen wir nun abreisen mit diesen Triumphen? – Aber Clara hat auch bis jetzt in jedem mal Spielen – es ist 7 mal – ganz außerordentlich gespielt – versteht sich, allemal alles auswendig – was die Klavierspieler in wirkliches Staunen u. Schrecken versetzt. Also im nächsten spielt sie nur die beiden Antipoden auf Verlangen: Liszt u. Thalberg. – Als wir aus dem Concert nach Hause kamen, war ein schönes Gedicht von einem sterblich Verliebten angekommen. – Wenn also in Wien ein Knall losgeht, der in Leipzig gehört wird – so weißt Du, was es ist und erschrickst nicht weiter. – Hier wird ausgeführt: Wien in einem anderen Welttheile, 12-17 Grad Kälte u. Schlittenbahn: Jetzt geht der Fasching los – alle mit den Concerten – alle Tage 20-30 Bälle – nur Clara hat den Zauberstab, alles zu bannen und wahrscheinlich werden für 2., 11., u. 18. Febr. 3 Concerte auf einmal angekündigt. - - - Maiseder u. Merk, die seit Jahren nie mehr öffentlich spielen, ausgenommen bei Hof u. auch abschlugen, in dem 3. Concert von Thalberg (was schon leer war) zu spielen, haben zum Staunen der ganzen Stadt – ihre Mitwirkung zu Beethoven Trio op. 97 u. Schubert op. 100 u. zu 2tes Trio von Maiseder zugesagt. Es fehlt nur noch ein Sänger ersten Ranges um Lieder von Beethoven u. Schubert darin vorzutragen. – Der Sohn des Erzherzogs Carl ist in Venedig gestorben – denke Dir den Schlag – nun wird wohl große Hoftrauer seyn und unsere schönen Aussichten bei Hofe z. B. bei Sophie zu spielen – denke dir, im Burgtheater aufzutreten, was außer Paganini nie einem Künstler widerfahren, pp verloren gehen. Aber hierbei ein Gedicht von Grillparzer (aus der Wiener Zeitschrift vom 9. Jan.) auf Clara. Das schlägt alle Recensionen und setzt der Clara den Loorbeerkranz auf. Gieb es sogleich Wenzel, damit es abgedruckt werde in einer (womöglich) politischen Zeitung, in der Schumann’schen, in der Eleganten und auch im Tageblatt. – Wir haben unerkannt u. unbekannt, in Demuth u. Vergessenheit nur vegetiert, in Leipzig und doch – restlos nach dem Höchsten in der Kunst gestrebt, ohne Aufmunterung (die von dem Philosophen Brendel abgerechnet) u. ohne Dank – jetzt kommt der Lohn, nun soll aber auch die ganze Welt wissen, daß es nur eine Clara gibt, der ganz Wien zu Füßen liegt, und nur einen Lohnbedienten, dem Clara zu Füßen liegt. Aber! Wenn ich nun nicht zum ersten Feiertag zu Hause bin (wo das Logis gekündigt oder von neuem gemiethet werden muß) was wird denn da? Ich bitte dich, siehe dich um u. gieb dir Mühe nach einem Logis, wenn es auch in der Vorstadt ist – nur nicht zu weit: dieser Kerl würde uns sonst übers Ohr hauen. d. 10. ist es nicht gut, daß ich mit der Absendung dieses Briefes gewartet habe, um das schöne Gedicht mitzuschicken? Nun soll er aber abgehen, daß Du auch den Sonntag etwas zu lesen hast. Heute stehen schöne Recensionen in den Zeitungen. Hast Du denn die Theaterzeitung noch nicht?
Staudigl u. Schober können singen. Der zähe Theaterdirektor auf Fürsprache der Madame Wertheimstein, die ungeheuer reich, uns, durchaus nicht fortlassen will von Wien, hat es erlaubt, wenn Clara bald anfängt, im Kärntnertheater zu spielen. Nun, Clara bleibe nur gesund zu diesen ungeheueren Leistungen, doch wir wissen – ganz Wien sagt, daß nie hier ein Künstler solche Sensation gemacht. – Jetzt werden wir aber auch Pesth u. Grätz – wohin der Weg schrecklich seyn soll, auslassen u. nur München (es ist freilich 63 Meilen von hier) wo Clara nach hierhergekommenen Briefen erwartet wird, mitnehmen und dann, nachdem wir in Asch bei Ernestine Concert gegeben, über Plauen – alles mit Gott – Leipzig begrüßen, hoffen aber, daß uns die Fink’sche Familie eine Stunde weit entgegenkommt und empfängt, die Madame Fink aber im Negligé, im Unterrock u. barfuß auf einem Leipziger Esel reitend, soll den Kurier abgeben u. uns schon in Altenburg empfangen, wo ich ihr den Judaskuß aufdrücken werde, damit Du durch diesen großen durchdringenden Moment endlich einmal von der Eifersucht geheilt werdest.
Ewig dein Fr. W.

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
Absendeort: Wien
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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