23.01.2024

Briefe



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ID: 26720
Geschrieben am: Mittwoch 07.10.1857
 

Berlin d. 7 Octbr. 1857.
Meine liebe Emilie,
ich stecke in solch einem Troubel und Wirrwarr, daß ich nur dieses Blättchen finde Dir zu antworten.
Ob ich gerade d. 3 oder 4ten. Nov. in Jena sein kann, weiß ich nicht, da ich gerade um diese Zeit mit Joachim in Dresden Concert gebe. Von da aus aber entschieden nach München gehe, wenn nicht Lachner, an Den ich vorgestern schrieb, durchaus abräth, was mir sehr unangenehm wäre, denn da ich nach Wien erst nach Neujahr gehen kann, so wüßte ich es dann mit München gar nicht einzurichten. Sehr möglich läßt es sich dann einrichten, daß wir |2| zusammen reisen, ein Uebelstand aber ist, daß ich dieselbe Dame, welche mit mir in Wien war, zu <d> dieser Reise wieder engagiert hatte und sie nun, da sie nach Weihnachten keinenfalls kann, für diese ┌münchner┐ Reise mitnehmen muß, daher also auch nicht bei Euch wohnen kann, was mir sehr leid thut. Ich dachte nun aber, ob, wenn die Sache erst einmal bestimmt ist (ich schreibe Dir gleich sobald ich Antwort von Lachner habe) Ihr mir nicht ein Chambre garni suchen könntet <womöglich> da ich doch wohl 3 Wochen für München brauchen werde, oder ob Ihr in einem Hôtel, was allerdings immer das bequemste ist, für zwei Zimmer accordieren könntet? – Ich hab es mir hin und her überlegt, es geht aber aus vielen Gründen <daß> nicht, daß ich das Mädchen, die mir so oft schon Opfer gebracht, jetzt zurückweise. |3| Es ist schlimm, denn für ┌die┐ Münchner Reise hätte ich eben die Begleiterin ganz entbehren können und dadurch viel gespart. Für die anderen Städte bleibt es sich wohl gleich – nach der Schweiz habe ich dringende Aufforderung, und werde wohl von München aus hingehen.
So bald ich von Dresden aus Genaueres weiß, so schreibe ich Dir über Jena bestimmtes.
Ich wohne noch hier bei der Mutter, da im Logie noch nicht Alles im Stande ist. Ich fühle mich höchst unglücklich hier, wozu die Trennung von dem theueren Freunde Brahms das meiste beiträgt – mündlich erzähle ich Dir von Ihm, und Du wirst begreifen, wie schwer ich das Leben ohne ihn trage, wie doppelt <> |4| schwer ich, getrennt von Ihm, den Verlust meines herrlichen Robert’s auch empfinde.
Leb wohl! verzeihe die einzelnen Blätter.
Seyd Alle herzlichst gegrüßt!
Wie immer
Deine
Clara.
Welch ein Chaos mein Brief ist sehe ich erst jetzt beim Ueberlesen – ich kann Dir aber nicht helfen!

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: List, Emilie (962)
  Empfangsort: Paris
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 8
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit der Familie List und anderen Münchner Korrespondenten / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-019-3
339ff.

  Standort/Quelle:*) Slg. Cornides 68a/b
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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