23.01.2024

Briefe



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ID: 26755
Geschrieben am: Montag 18.12.1865
 

Berlin d. 18 Dec. 1865
Liebste Elise,
es wird mir schwer Dir zu schreiben, denn wie soll ich in Worte fassen den Dank für Euch, der mein ganzes Herz erfüllt? wie soll ich Euch Euere Liebe und Sorgfalt für Julie jemals vergelten können? daß ich Euch solche Sorgen, solch Trübsal schaffen mußte, das verfolgt mich jetzt, nachdem ich über Julie selbst beruhigter bin, fortwährend. Ihr habt seit Jahren so viel Schweres durchlebt, und |2| nun, kaum daß, Du theuere Elise, wieder genesen, muß ich Euch so Schweres aufbürden! das ist schrecklich, und betrübt mich mehr, als ich Euch sagen kann. Euer ganzes Hauswesen ist gestört, das Weihnachtsfest den lieben Kindern Hedwig und Fritz, und nichts kann ich dazu thuen, es zu ändern! Ihr Lieben, könnte ich Euch nur so sagen, wie mir ums Herz ist! –
Gestern Morgen kam ich hierher zurück, und fand, Gott sei Dank, Emiliens bessere Nachricht. Ich glaubte mich die ganzen Tage her sehr gefaßt, und war dennoch in solch einer inneren Erregung, wie ich sie |3| nicht beschreiben kann! dazu kam, daß ich Euere schlechten Nachrichten durch den langen Postengang ja erst nach der besseren telegraphischen Nachricht erhielt, in der furchtbaren Aufregung aber daran gar nicht dachte, daß Euere Briefe ja vorher geschrieben waren, und von Stunde zu Stunde auf das versprochene gute Telegramm (wenn es besser ginge) hoffte, welches ich ja aber schon erhalten hatte. Es war wirklich schrecklich, und meine Dummheit geradezu unbegreiflich.
Welches war nun eigentlich Juliens Krankheit? ein ordentliches Nervenfieber kann es doch nicht gewesen sein? das steigt ja gewöhnlich 21 Tage? es war also wohl ein anderes Fieber, das nervös geworden? |4| Die Leute geben mir nun Alle den Trost, daß Julie, wenn sie glücklich von dieser Krankheit genesen, wohler und kräfftiger als früher werden würde, das Blut würde eine andere Circulation nehmen. Wäre das doch! –
Julie hat doch meinen Brief erhalten? ihren Wunsch mit der Stolle will ich gerne erfüllen, nur sende ich sie für Euch Alle, ich denke, Ihr eßt sie wohl auch gern? das Kleid und den Schiller für Julie habt Ihr wohl erhalten? bei dem Kleid lag auch Emiliens Barbe.
Wir reisen nun Mittwoch Morgen nach Düsseldorf, wo ich hoffe einige stille Wochen zu verleben, deren ich sehr bedarf, denn ich habe mich viel angestrengt, und bin <> sehr viel unwohl gewesen. |5| Die Maschine, der Körper wird eben gebrechlich, es ist aber schlimm! was soll werden, wenn ich nicht mehr arbeiten kann? doch, damit will ich Dich nun nicht auch noch quälen! –
Wie geht es Dir jetzt? bist Du das Münchner Uebel wieder los? und wie geht es Dir sonst? bitte, laßt mich das wissen.
An den Medicinalrath Pfeuffer schreibe ich später einmal – wenngleich ich es schon gern jetzt thäte, so habe ich ┌doch┐ so ein Gefühl der Angst – lieber warte ich noch etwas.
Wir werden den Weihnachts-Abend ganz still bei Frl. Leser zubringen, und wohl könnt Ihr denken, daß ich im Geiste bei Euch bin, und nicht eben |6| fröhlichen Herzens!
Die gute Mila schreibt mir wohl alle paar Tage, wenn es auch nur einige Zeilen immer sind.
So seyd mir denn, Ihr Theueren, in innigster Liebe und Dankbarkeit umarmt, grüßt mir die Kinder und Julchen meinen zärtlichen Kuß. Marie schreibt einige Zeilen mit. Ich hoffe zu Gott, wenn Julie wieder genesen, daß sie Alles thuen wird, Euch ihre Liebe und Dankbarkeit zu beweisen.
Grüße auch Deine liebe Mutter herzlich.
Getreu
Deine
Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Pacher, Elise von, geb. List (1162)
  Empfangsort: München
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 8
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit der Familie List und anderen Münchner Korrespondenten / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-019-3
448-451

  Standort/Quelle:*) Slg. Cornides 108
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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