19.12.2019

Briefe



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ID: 2738 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 23.04.1847
 

H Dr. Schumann
Geehrtester Freund,
Verzeihen Sie meinem langen Stillschweigen; ich bin immer mit dem Vorsatz umgegangen, Ihnen zu schreiben, noch als Sie in Berlin waren, ohne dazu kommen zu können. Wenzel hat Ihre Aufträge ausgerichtet. Es wird recht gut u mir sehr angenehm sein, wenn Sie über die Tonkünstler-Versammlung Etwas schreiben wollen, zugleich erhalten Sie dadurch eine passende Gelegenheit, wieder einmal in der Zeitschrift zu erscheinen. Daß ich es nur gestehe, ich habe längst einmal schelten wollen über Ihr fortwährendes Schweigen, u ich erhalte jetzt Gelegenheit, es in Ausführung zu bringen. Solche Verkehrtheiten, wie Schäffer über Ihr Schweigen zu Markte gebracht hat, wären dann mit einem Male beseitigt. Die neueste Nummer der Zeitschrift bringt Ausführliches über die Tonkünstler Versammlung. Hier wäre nun Gelegenheit, daß Sie anknüpfen, u vielleicht bald etwas einsenden könnten. Sind Sie in Dresden, so würden Sie vielleicht selbst kommen, u sich persönlich betheiligen. Jedenfalls aber bitte ich, daß Sie Ihr Versprechen in Anführung bringen, u schreiben, denn, einmal angefangen, muß mir die Sache energisch angegriffen werden.
Wenzel hat mir ferner gesagt, daß Sie die Faustmusik aufführen wollen, u daß ich darüber etwas schreiben solle; Näheres aber wußte er nicht anzugeben.
Die Recension über Ihr Concert ist von Dörffel, ich habe indeß auch Einiges hinzugegeben, da wir es zusammen durchgingen, u darüber sprachen. Dörffel hat eine Partitur dazu geschrieben.
Ueber die Kritiken, die von Berlin aus über Sie eingingen beabsichtigten wir anfangs zu schreiben, aber es fehlte an Raum, u wir kamen zu der Ansicht, Alles in einer Journalschau zusammenzufassen. Diese kommt dieser Tage. Geschenkt ists darum den Berlinern nicht. Berlin macht sich neuerdings recht heraus, u mögte Tonangebend werden. Freilich fehlts an allen Orten und Enden. Es scheint Ihnen dort gefallen zu haben. Aber es fehlt doch dort an jeder gesunden Basis für die Kunst. Nehmen wir die geistige Belebung weg, welche die Ztschr. gebracht hat, so bleibt wenig übrig. Mir ist Wien bei aller Flachheit stets künstlerischer erschienen. Von der Nummer der Zeitschrift, wo die Tonkünstler Vers. besprochen, habe ich mehr Abzüge machen lassen, u werde sie nun noch an Mehrere mit specieller Einladung schicken.
Haben Sie sich nicht gewundert über Schäffers Phantasiestücke? Er ist Ihnen zum Verwechseln ähnlich, doch fürchte ich, daß er sein Bestes schon gegeben hat, u daß die Kraft nicht lange nachhält. Dörffel hat sich sein eigentliches, vor vielen Jahren von Ihnen angezeigte op. 19 kommen lassen, zur Vergleichung. Die Umwandlung soll merkwürdig sein. Von Flügel erscheinen jetzt wieder mehrere Sachen bei Hofmeister.
Von Hamburg aus hat sich Einer zum Opertextdichter angeboten; ich habe ihm geschrieben, daß er Proben schicken soll. Zeigt er sich geschickt, so könnten Sie ihn vielleicht beschäftigen, denn er schreibt, daß er arm ist.
Der Brief war wieder liegen geblieben. Jetzt liegt mir daran, daß er fortkommt, da ich gern bald einen Artikel von Ihnen haben möchte.
Freundschaftliche Grüße an Sie u Frau Gemahlin
von mir u meiner Frau
Ihr
Brendel

Leipzig den 23ten April

Sehen Sie Jul. Becker nicht. Er hat seit lange nichts hören lassen. Neulich schickte ich ihm ein paar Zeilen wegen der Versammlung. Er scheint es krumm genommen zu haben. War ein paar Mal schlecht recensirt worden.

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
252-255
 



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