25.02.2022

Briefe



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ID: 2744
Geschrieben am: Mittwoch 22.12.1847
 

Geehrtester Freund,
ich antworte Ihnen sogleich nach Empfang Ihres Briefes. Ihre Mittheilung für die Zeitschrift ist mir sehr angenehm, u ich bin, so bald Sie unter Ihrem Namen schreiben, vollkommen mit dem Honorar einverstanden, u wenn Sie hin u wieder einmal ein größeres Werk recensiren wollten, mit Namens Unterschrift, so würde ich dafür Frieses früheres Anerbieten wiederhohlen. Wirklich Bedeutendes ist freilich außerordentlich selten. Jetzt ist Tauberts Symphonie in Partitur da. Es wäre eine Frage, ob Sie darauf eingehen wollten, das Werk erhebt sich freilich gar nicht über das Gewöhnliche. Von Sachen für Pf u Streichinstr. ist jetzt im Augenblick blos da, Berens (guter Anfänger), Gurlitt, Sonate, tüchtig, u Clara Schumann, welches letztere Sie jedenfalls nicht recensiren wollen. Ihr Name ist freilich wesentlich beim Schreiben. Was das Notenbeispiel betrifft, so bitte ich, daß Sie es von einem Abschreiber abschreiben lassen, sonst müßte ich es selbst thun. Der frühere geübte Notensetzer ist fort; wir haben einen Lehrburschen zugestutzt, aber esist noch eine Qual, u ich muß 3, 4 Correcturen machen, um es endlich richtig zu haben. Darum liegt mir viel an einem deutlichen Manuscript, namentlich wenn es so viel ist.
Musikalien für den Singverein stehen Ihnen zu Dienste, Partituren u Stimmen; ich werde Ihnen die Sendung alsbald machen. Ich habe eine große Auswahl des Besten.
Die Sachen sind bekanntlich sehr schwer, u es würde Ihnen im Anfang doch mehr an den kleineren u leichteren liegen. Ein Mangel meiner Stimmen ist, ds sowohl schnell geschrieben als einstudirt werden mußte, u dß daher auf manchen Bogen 2, 3 Sachen stehen. Doch ist das Meiste auch für Fremde brauchbar.
Ueber Griepenker stimme ich nicht ganz mit Ihnen überein. Das Wesentliche was ich zu sagen habe, ist Folgendes (1) in äußerer Hinsicht: Es wäre unklug von mir gewesen, die Rede nicht aufzunehmen, da sich die Leute darum rissen, Lobe Gr. Ztschr. Bote, ihn nicht allein ließ usw, um das Manuscript abzufangen. Tage lang hing im Museum die Nummer nicht am Nagel, so wurde sie gelesen, u. s. w.
2.) In Hinsicht der Sache. Die Einseitigkeit der Rede liegt auf der Hand, die irrigen Resultate sind nicht zu verkennen, aber es ist auch eine gewisse Berechtigung darin, dem vertrautesten [?] musikalischen Philisterthum gegenüber. Es kann nicht genug auf den Zusammenhang der Kunst mit dem allgemeinen Leben aufmerksam gemacht werden. Weiter: als Grundübel, welches sich in der Gegenwart immer bemerkbarer machte, ist, daß der Musik so sehr Männer gefehlt haben, welche hinsichtlich ihrer Bildung den modernen Bestrebungen gewachsen waren, welche die Tonkunst den bedeuteren [sic] Männern anderer Fächer, sozusagen, nahe gelegt haben. Man weiß draußen noch gar nicht, was man an der Musik hat, u weil jene höheren Geister anderer Fächer nicht auf die Musik zurückgewirkt haben, ist die Musik in Trivialität versunken, u die Musiker lassen überall nur Schläfrigkeit, egoistische Sonderung, Scheu vor dem Geiste, erblicken. Die Musik muß, wenn wir einen Aufschwung nehmen wollen, in die allgemeine Bewegung hineingebracht werden, u dazu sind Leute wie Gr. ganz am Orte. Die draußen Stehenden bekommen dadurch Achtung vor dem Leben auf musikalischem Gebiet. Die gewöhnlichen Dilettanten, Virtuosen usw. dienen nur dazu, alles herunterzubringen. Das Interesse Kunstgebildeter, wenn auch zufällig ganz unmusikalischer Leute ist viel mehr werth. Es muß der Musik schlechterdings eine Befruchtung durch ein wissenschaftliches Element kommen, u darum sind mir diese Bestrebungen recht, wenn sie auch, wie wir kaum zu erwähnen brauchen unter uns, viel zu wünschen übrig lassen.
Ich schreibe häufig mit Dörffel Recension zusammen, wir gehen es durch, u Dörffel schreibt dann. So neulich Hirschbach, die hinsichtlich der Auffassung eigentlich von mir war. So werden wir es wohl mit Ihrer Sinfonie machen – Der Platz ist aus, also Schluß.
Freundschaftliche Grüße
von Ihrem Brendel

den 22ten Decemb.

Einige alte Sachen werde ich in einiger Zeit gebrauchen, da wir für die nächste Tonkünstler Versammlung ein derartiges Concert machen wollen.

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
265-268

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 19 Nr. 3411
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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