19.12.2019

Briefe



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ID: 2747 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 03.10.1849
 

H Dr R. Schumann
Verehrtester Freund,
ich schreibe diesen Brief in Freiberg. Aufsuchen konnte ich Sie nicht, da die Zeit zu kurz war. Der Dampfwagen kam bei der Masse der Meßreisenden später an, u es blieb mir vor dem Mittagsessen nur 1/2 Stunde, gerade Zeit, um bis zu Spindler zu gelangen, und diesem Ihre Partitur zur Besorgung zu übergeben. Sie haben sie jedenfalls durch diesen erhalten. Wenzel grüßt Sie, läßt sich bei ihrer Gattin entschuldigen wegen Nichtschreibens in einer ihm vor langer Zeit von derselben aufgetragenen Angelegenheit, die er aber sogleich besorgt habe, u hofft auf Ihr Erscheinen in Leipzig, um Ihnen noch mündlich seine Freude über die Faustmusik auszusprechen. – Daß wir ein Verzeichnis von Pianofortewerken ausarbeiten, wissen Sie aus der Zeitschrift. Es soll nun bald gedruckt werden. Es zerfällt in 3 Theile. A. Instructives, in 4 Classen geordnet; B. Unterhaltungsmusik. C.) Classische Compositionen, für Pf zu 2, 4 Händen u mit Begleitung. Jeder Abschnitt ist nach den Namen in alphabetischer Folge geordnet, so daß man zugleich die Uebersicht hat, was der Componist überhaupt unter der betreffenden Rubrik geliefert hat. Wenzel läßt anfragen, ob Sie vielleicht noch eine Idee in Bezug auf diese Sache haben, um sie vor dem Druck noch berücksichtigen zu können. Spindlers Symphonie haben Sie wohl gehört? Schreiben Sie mir doch ein paar Worte, wie Sie [sic] Ihnen gefallen, u ob Sie glauben, daß wir sie in Leipzig machen können. – Von Klitzsch haben wir jetzt im Tonkünstler Verein ein Streichquartett gemacht, was uns bis auf Weniges sehr gefallen hat. Glauben Sie, daß er ein nachhaltiges Kompositionstalent besitzt, daß er unter günstigeren Verhältnissen eine Zukunft als Componist haben würde? Mir scheint es nach den Sachen, die ich jetzt von ihm kennen gelernt, fast so. Er hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht; auch seine Lieder sind gut. Ich sehe jetzt eine entfernte Möglichkeit, ihn aus seinen Verhältnissen herauszureißen, darum wollte ich Ihre Ansicht hören. Freitag reise ich wieder zurück. Es wird aber schwer Zeit sein, Sie zu besuchen. Ich bitte Sie, meine Musikalien ins große Rauchhaus auf der Scheffelgasse unter meiner Adresse zu senden, Freitag Vormittag. Dort werde ich sie in Empfang nehmen. Was Sie in Ihrem letzten Briefe mir schrieben hinsichtlich Ihrer äußeren Anerkennung, hat meine Zustimmung. Die Sache hat sich seit einigen Jahren so sehr geändert, Ihre Werke finden so viele Freunde u Verehrer, daß wir nicht ungerecht sein dürfen. Ich billigte darum auch nicht ganz, was vor einiger Zeit Dörffel ein Mal schrieb, u nur sein ausdrücklicher Wunsch, nichts zu ändern, bewog mich, Alles stehen zu lassen. Eine Wahrheit ist aber noch darin, das ist das Kopfschütteln u Gesichterschneiden von David, Rietz z. B., auch bei der Faustmusik, das widerwillige Anerkennen, weshalb ich auch mit dem, was Sie in Ihrem letzten Briefe über Rietz schrieben, nicht übereinstimme. So etwas mit anzusehen, ennuyirt, u man kann es wiederum Dem u Jenem nicht verdenken, wenn er seinem Unwillen Luft macht. Ich für meine Person betrachte derartiges gleichgültiger; für das Höhere besitzen eben nur Wenige ein entsprechendes Verständnis, zu dem jetzt der Kampf der alten u neuen Welt; Die Mehrzahl muß Philister sein.
Mit freundschaftlichen Grüßen
Ihr
Brendel

den 3ten October.

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort: Freiberg
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
286-289
 



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