19.12.2019

Briefe



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ID: 2755 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 19.04.1850
 

Lieber Freund,
In Eile sende ich Ihnen die Revision. Es thut mir leid, daß ich die erste Correctur schon vernichtet hatte, sonst würde ich sie Ihnen Spaßes halber mitsenden, um Ihnen eine Anschauung zu geben von den Fehlern, die die erste Correctur brachte.
Einen Strich in der Mitte der Columne können wir doch unmöglich machen, nachdem wir ihn schon seit Jahr u Tag als altmodisch herausgeworfen haben. Es würde doch sonderbar aussehen, wenn hier ein Strich wäre, u in der Zeitschrift nicht.
Aufgefallen ist mir Ihr: „mußst.“ Wer schreibt denn das so? Zusammengezogen aus: mußest, läßt es sich erklären, aber man wirft doch alle überflüssigen Buchstaben hinaus. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie es so haben wollen, aber ich wollte Sie erst darauf aufmerksam machen.
Der Titel ist geändert. Sehen Sie sich ihn an, ob er Ihnen so gefällt. Weil man in der Druckerei der Meinung war, daß die Beilage noch diese Woche kommen solle, hat man sich möglichst dazu gehalten, u einen Theil mit den alten Lettern stehen lassen. Ich bin aber der Meinung, daß zu kleine Lettern sich auch nicht gut machen, weil der Titel durchgehend über die ganze Columne ist.
Beifolgt das Manuscript.
Ueber die Sache selbst habe ich mich gefreut. Es ist eine recht schöne Zusammenstellung des Bemerkenswerthesten. Ebenso ist es mir lieb, daß einmal wieder etwas von Ihnen erscheint.
Der Operntext ist die Nibelungen von der Louise Otto, an den sich Gade gemacht hatte. Ich habe ihr selbst auch gerathen, da Gade nie zum Entschluß kommt, ihn weiter zu geben. Jede Zeit hat ihr Opernideal. Das Unglück der Gegenwart ist, daß sie das ihrige noch nicht hat. Erst, in Italien, waren es antike Stoffe. So weiter das Heroische bei Gluck, was sich noch in der großen französischen Oper fortsetzt. Mozart öffnet den Kreis des rein Menschlichen. Nun kamen die musikalischen Romantiker, paralell [sic] den poetischen Romantikern. Dß aus der Oper weiterhin noch nichts wieder werden wollte, liegt darin, daß man noch kein neues Stoffgebiet fand. Für mich steht unzweifelhaft fest, dß es die alte deutsche Sagenpoesie ist. Der Kreislauf ist vollendet, die unmittelbaren Schöpfungen der Jugendzeit des deutschen Volkes müssen mit Bewußtsein wieder geboren werden. Das wird die wahrhafte Nationaloper, u das sind die Kränze der Zukunft. Ich hatte den Text schon an Salomon gegeben, der sich in Folge der Anzeige zuerst gemeldet hatte. Er ist jetzt in Weimar.
Senden Sie mir bald die Revision.
Freundliche Grüße
Ihr
Brendel

Leipzig
Freitag früh.

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
312f.
 



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