19.12.2019

Briefe



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ID: 2789 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 13.08.1848
 

Leipzig d 13. August 1848.

Mein lieber Schumann,

Nach 5 stündigem emsigen Studium ist es mir glücklich gelungen Deine Papyrusrolle zu enträtseln, woraus Du <schliessen> schliessen kannst daß immer noch etwas ägyptischer (wenigstens orientalischer) Geist in mir ist. Aus der Eile mit der ich Dir antworte kannst Du auf meine Freude über den Empfang Deines Briefes schliessen. Deine Genoveva werde ich mit so offnen Armen als es der hohe Rang der Dame erlaubt empfangen; was ich für sie, in Beziehung auf Bogenstriche Fingersatz und sonstige Orchesterfinessen thun kann soll mit Freuden geschehen. Ich spitze mich sehr darauf. - Deinem ladenden Vorschlag nach Dresden zu kommen und Deinem Sänger Feste beizuwohnen kann ich leider nicht entsprechen. Ich bin gestern von einer Reise nach Hamburg zurückgekehrt und da darf ich nun fürs Erste nicht wieder ans Reisen denken; im Theater ist jetzt viel zu thun wobei ich nicht fehlen darf und meinen Schülern im Conservatorium so bald schon wieder die Freude meiner Abwesenheit zu gönnen bin ich zu maliziös oder zu gewissenhaft; Zudem ist meine Frau nicht recht wohl – folglich – es geht dies mal nicht. Meinen Witzkasten, So eben entdecke ich daß es nicht Witzkasten sondern Witzfach heissen soll, den Du in Deiner Papyrusrolle sehr richtig XXX schreibst würdest Du sehr geleeeert [sic] finden; die jetzigen Zeiten sind nicht geeignet dieses Vorrecht des ancien régime aufkommen zu lassen, ich begnüge mich jetzt damit mich innerlich zu erbossen und äusserlich langweilig zu seyn; ich stünde aber nicht dafür daß in Deiner und Deiner Frau Gegenwart (die Ihr immer ein sehr nachsichtiges Publikum für meine Laune wart) die alte <nicht> Untugend nicht wieder auftauchte. - Ich war diesen Sommer recht fleissig habe unter Andern (natürlich Violinsachen) auch eine Symphonie gemacht; ja! ja! Lieber Schumann; Sey aber unbesorgt sie ist gar nicht großartig sondern lustig geht aus b dur und schließt unmoderner Weise in derselben Tonart. Im letzten Satze erlaube ich die Freude des Publikums über den herannahenden Schluß einer langweiligen Symphonie nicht unglücklich geschildert zu haben. Ich bitte Dich aber niemanden etwas zu sagen, es könnte auf das Abonnement für die Conzerte des nächsten Winters nachtheilig wirken. - Für die Besetzung Deiner Oper habe ich einige Sorge; wir haben jetzt eine erste Sängerinn die sich weniger für die Rolle der Genoveva als für die ihrer Hirschkuh eignet; jedoch steht etwas Besseres in Aussicht. Von Deinem Faust hat mir eine hiesige Dame viel Enthusiastisches erzählt; hoffentlich hören wir den auch bald. - Die Conzerte wird Gade wieder dirigieren, wir hören aber nichts von ihm, hoffentlich hat ihn keine Anhalt-Bernbrugische Fregatte gekapert. - Freust Du Dich immer noch über das einige Deutschland? Es sieht doch noch verdammt kläglich damit aus. Aber ich wollte ja nichts über Politik schreiben <aber> es ist aber ein Miasma dem man nicht entgehen kann. Grüße recht von Herzen Deine liebe Frau, die meinige, Deine alte Zwickauer-Paulus-Aufführungs-Reisegefährtin (wo Du bekanntlich Morgens um 3 Uhr in Borna ganz vergnügt auf der Chaussée spazieren gingst) grüßt Euch Beide herzlich und ich bleibe treu freundschaftlich?
Dein Ferdinand David

[BV-E, Nr. 3498:] F. David. [Ver sand:] fr. [beantwortet:] +

  Absender: David, Ferdinand (339)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
294-297
 



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