19.12.2019

Briefe



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ID: 2869 Brieftext


Geschrieben am: Montag 27.03.1848
 

Berlin d 27 März 48.
Nähert man sich in diesen Zeiten Jemandem, den man nur dem Namen nach kennt, so sollte man eigentlich keines einleitenden Wortes bedürfen, es sollte genügen, wenn man seine Gesinnung auf irgend eine Weise documentirt. Sie ist’s die heute nähert oder entfernt. Und die meine glaube ich Ihnen, hochverehrter Herr, durch die Anlage zu documentiren. Doch darf man über Feld hinsichtlich seiner Aufnahme nicht allzuviel wagen, zumal wenn eine Angelegenheit mit dieser zusammenhängt, an deren rascher Förderung gelegen ist. So will ich mich denn bei Ihnen außerdem noch als einer der näheren hiesigen Freunde unseres unvergeßlichen Felix Mendelssohn-Bartholdy einführen, und, ich glaube es aussprechen zu dürfen, als einen, der unter diesen nicht eine der letzten Stellen einnahm. Und mir ist auch Ihre und Ihrer Frau Gemahlin Beziehung zu dem Dahingegangenen genugsam bekannt. Nach diesem Vorworte, welches meinem Wunsche vielleicht eine nicht ungeneigte Aufnahme erwirbt, dieser selbst. Er besteht darin, daß Sie dem anliegenden Liede durch Ihre Composition einen Werth verleihen möchten, den es dichterisch nicht hat, und einen Eingang verschaffen möchten, den es sich bei einer minder künstlerischen und angemessenen Composition als die von Ihnen zu erwartende nicht erwerben würde. – Dies klingt nun freilich fast so, als sollten Sie mir ein Werkzeug sein, und doch ist dem nicht so. Es ist eben die Gesinnung in meinem Liede, auf welche ich insofern etwas gebe, als schon die ersten Tage neuerrungener Freiheit Brauseköpfe bei uns hervorgerufen haben, die das Licht zur Flamme anfachen möchten, vernichte diese auch alle Früchte der Gesittung, die edelste, die Kunst, dann zunächst. Und warum sollten sich unter diesen, gewiß zum Theil sehr talentvollen Leuten nicht auch solche befinden, die ihren Tendenzen die Form eines Liedes geben könnten, für welches sich dann irgend ein gesinnungsloser oder auch ein gleichgesinnter Componist fände? Nach einem Liede, als dichterischem und musikalischem Ausdruck für die gewaltige Zeit, sehnt sich jedoch Alles und das Erste, welches künstlerische Eigenschaften hätte, die ihm Eingang verschafften, würde soweit wirken, als ein mächtigster Aufruf an Deutschland. Unter solchen Umständen ist ein Lied eine That, und diese That in’s Leben rufen, und zwar der Art, daß sie versöhnend und einigend wirke, halte ich für ein Verdienst. – Die Frage warum ich meinen Wunsch eben an Sie hochverehrter Herr, richte, während Berlin doch der Componisten genug zählt, würde ich schon durch meine große Achtung vor Ihrer Kunst eben in dem betreffenden Fache beantworten können, aber ich muß Ihnen demnächst offen sagen, daß hier noch kein Musiker Ruhe und Sammlung zu einer Composition finden würde, noch in nächster Zeit finden wird, und doch gilt es in diesem Falle, wenn irgend Eile, um zuvorzukommen. Wir haben hier nach vielen vorhergegangenen aufregenden und fast kriegerischen Tagen einen so ungeheueren Tag und eine so ungeheuere Nacht durchlebt, daß alle Pulse auch dann noch fieberhaft klopfen würden, wenn nicht noch jetzt jeder neue Tag ein verhängnißvoller werden könnte, und dabei steht noch fast Jeder außer unter dem Eindrucke [der] allgemeinen Ereignisse und Verhältnisse, noch unter dem besondern aufregender oder drückender. An den Folgen der dadurch hervorgebrachten Stimmung hat nun auch besonders die Technik meines Gedichtes zu laboriren. Doch dürfte es an einigen Stellen mit der Ruhe, die ich beabsichtigte, einigen Schwung verbinden, und der Rhythmus hat, glaube ich, die Eigenschaft eine dem Inhalt angemessene Melodie herauszufordern. – Möchten Sie doch nun die Güte haben, mir zu sagen, ob Sie meinem Wunsche genügen wollen, und dies, eben aus den schon angegebenen Gründen, um so früher, und zwar alsdann unter gefälliger Zurücksendung des Liedes, wenn Sie, was mir sehr leid thun würde, ihn nicht erfüllen wollten. – Ueber die Bedingungen der Herausgabe würden wir uns ohne alle Schwierigkeit verständigen. Componiren Sie das Lied so schlagen Sie mir solche gefälligst in Ihrer Antwort vor. Ich weiß, daß die Fähigkeit Vieler, sehr Vieler, welche große Sachen, und gar nicht übel, componiren könnten, an einem solchen Liede scheitern würde. Aber ich bin auch überzeugt, daß, wer ein solches überhaupt componiren kann, es schnell componirt hat. Denn Schwung, und leicht sangbare und doch nicht oberflächliche Melodie, sind nicht Früchte der nüchternen Arbeit sondern des Genius. Und so glaube ich, würde, wenn Sie auf meine Bitte eingehn, das Lied in wünschenswerthester Kürze erscheinen können. Mendelssohn verlangte in den letzten Jahren öfter ein politisches Lied von mir, weil es ihn drängte eines zu componiren, welches er in seinem Sinne gedichtet glauben durfte. Ich zögerte stets in Hoffnung besserer Zeiten: Denn wer sah nicht, wenn er bisher etwas Politisches schrieb, immer die Censurscheere vernichtungsdrohend über sich schweben! – Noch Ende September v. J. erinnerte er mich hier an mein Versprechen. Jetzt leben wir in uns genehmeren Verhältnissen. Er aber ist aller Erdenverhältnisse enthoben. Möchten Sie meine heutige Bitte im Sinne eines Vermächtnisses des theueren Verstorbenen betrachten wollen.
Hochachtungsvoll und
ergebenst
J Fürst
34. Oranienburgerstraße.

  Absender: Fürst, Joseph (13302)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort: Dresden
  SBE: II.17, S. 180ff.
 



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