19.12.2019

Briefe



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ID: 2947 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 23.02.1851
 

Leipzig d. 23 Febr. 1851.

Lieber verehrter Herr Schumann!

Sie erhalten hierbei die gewünschten Orchester u Solostimmen der Bachschen Johannispassion – sie wird zur Unterscheidung von der Matthäuspassion oft die kleine genannt, ich habe die Kleinheit aber noch an keiner Stelle wegbringen können, und finde sie sehr gewaltig. Wir haben sie als Palmsonntags- u Charfreitags-Musik mehremal zum Gottesdienst aufgeführt, da durfte sie nicht zu lang sein, auch fehlte es an Solosängern die man mehr als grade nothwendig war hätte hören mögen. Daher kommen viele Abkürzungen im Text u Auslassungen von Solostücken. Von den Chören ist natürlich nichts ausgeblieben als einige Choräle. Aus dem beiliegenden Clavierauszug ist die Einrichtung leicht zu übersehen, sie wird Ihnen aber nicht recht sein, würde mir’s zu einer großen Aufführung auch nicht sein u so fürchte ich wird Ihnen auch die Evangelistenstimme nicht viel nützen können abgesehen von Änderungen für die Sänger die sich aus der Partitur leicht wieder aufs Original zurückführen lassen, - sind auch manche Modulationen anders geführt, wegen auszulassender Solostücke, die Sie vielleicht nicht auslassen wollen. No 17 ist mit Laute u 2 Viol d‘Amour instrumentirt. Ich habe die Viola d’Amour von den Geigen mit Sordinen spielen lassen, die Lautenfigur der Bratsche und Clarinette gegeben die in dieser tiefen Lage sich sehr gut mit der Viola verbindet u gute Wirkung macht. Die Viol da gamba in No 31. klingt sehr schön für das englische Horn. Hier sind auch zum Baß noch einige Stimmen u die Violen u das erste Violoncell gesetzt. Das Clavier würde sich zur ausfüllenden Harmonie hier nicht so gut ausnehmen. Die Evangelisten-Recitative sind aber alle nur mit Violocell, Contrabass u Clavier begleitet worden. Die Zusätze bei den Cadenzen (601; 5 4 3) sind ungeschickt und wie noch manches Andere, der Natur des Recitativs unangemessen im Clavierauszuge, abgeändert oder ausgestrichen. Es wird Ihnen mitgetheilt worden sein daß als erste Lieferung der Ausgabe Bach’scher Werke die h moll Messe gegeben werden soll. Es fehlt uns bis jetzt aber noch zu einigen Sätzen eine äußerst sicher stellende Handschrift[.] Kyrie u Gloria sind aus den Stimmen welche Bach selbst nach Dresden geschickt hat in Partitur gebracht u diese ist wohl zuverlässig genug. Das Sanctus ist nach dem Berliner Autographen von H. Kade copirt worden. Vom Credo aber finden sich nur einzelne Stücke, u zwar als deutsche Cantaten, von Bachs Hand. Nach des Herrn Dehn Aussage, oder Vermuthung, sollen in Koppenhagen u in Hamburg noch Handschriften Bachs liegen: In wessen Besitz aber, hat er nicht gesagt oder weiß es nicht – er ist dem ganzen Unternehmen der Bach Gesellschaft abhold. Sollten Sie irgend eine Vermuthung haben, wie man zu dem noch Fehlenden gelangen könnte, so haben Sie ja die Güte es uns mitzutheilen, es wäre doch sehr hübsch wenn man mit diesem Werke beginnen könnte. Die Zahl der Subscibenten ist jetzt nahe an 300. es würde also ganz gut die ganze Messe mit erste[n] Jahr gegeben werden können - wir müssten sie nur erst selbst haben! – Daß Sie mit Ihrem jetzigen Aufenthalt so wohl zufrieden sind, haben wir wiederholt u von verschiedenen Seiten, immer mit großem Vergnügen gehört. Laßen Sie aber auch von Ihren neuen Compositionen bald etwas zu uns herüber kommen. Es ist in den Gewandhausconcerten dieses Winters Vieles von Ihren größern Werken zur Aufführung gekommen, die Peri, die 2te Symphonie, Clavierconcert, Ouvertüre Scherzo u Finale; auch die Genoveva soll? wie ich hörte baldigst wieder gegeben werden.
Mit den allerbesten Grüßen an Sie und Ihre verehrte Frau von mir u der meinigen
Ihr
aufrichtig ergebner
M Hauptmann.

[BV-E, Nr. 4137:] M. Hauptmann [Versand:] fr. [beantwortet:] NB. [Bemerkung:] X

  Absender: Hauptmann, Moritz (630)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (15143)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
484-487
 

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