19.12.2019

Briefe



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ID: 299 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 14.02.1851
 

Düsseldorf, den 14ten Februar 1851.
Geehrtester Herr,
Sie erhalten hier eine Skizze, die im Ganzen mit der Ihrigen übereinstimmt. Ich mußte vor Allem die musikalischen Formen mir klar machen. Es ist ein gewaltiger Stoff; wir müßen, was nicht zur Entwicklung durchaus nöthig, ausscheiden, – auch, meine ich, das Eingreifen übersinnlicher Wesen. Nur der Geist des Huß will mir an rechter Stelle erscheinen.
So viel hätte ich Ihnen zu sagen; nur auf das Wichtigste kann ich mich heute beschränken. Das Oratorium müßte für Kirche und Concertsaal paßend sein. Es dürfte mit Einschluß der Pausen zwischen den verschiedenen Abtheilungen nicht über 2 ½ Stunde dauern. Alles blos Erzählende und Reflectirende wäre möglichst zu vermeiden, überall die dramatische Form vorzuziehen.
Möglichst historische Treue, namentlich die Wiedergabe der bekannten Kraftsprüche Luthers. Gelegenheit zu Chören geben Sie mir, wo Sie können. Sie kennen wohl Händel’s Israel in Egypten, es gilt mir als das Ideal eines Chorwerkes. Eine so bedeutende Rolle wünschte ich auch im Luther dem Chor zugetheilt. Auch Doppelchöre geben Sie mir, namentlich in den Schlußsätzen der Abtheilungen. Eine Sopranpartie dürfte in keinem Falle fehlen; mir däucht, Katharine wäre sehr wirkungsvoll anzubringen. Auch die Trauung (im 3ten Theil) dürfte nicht fehlen. Der Choral „Ein feste Burg“ dürfte als höchste Steigerung nicht eher als zum letzten Schluß erscheinen, als Schlußchor.
Hutten, Sickingen, Hans Sachs, Lucas Kranach, die Churfürsten Friedrich u. Johann, Philipp von Hessen müssen wir wohl aufgeben – leider! Aber es würden sich überall große Schwierigkeiten in der Besetzung ergeben, wollten wir die Solopartien noch vermehren. Erzählungsweise mögen sie aber alle wohl vorkommen. Ein Verflechten der deutschen Messe in die verschiedenen Abtheilungen scheint mir schwer ausführbar. Es gibt aber dafür der Choral Ersatz. Luthers Verhältniß zur Musik überhaupt, seine Liebe für sie, in hundert schönen Sprüchen von ihm ausgesprochen, dürften gleichfalls nicht unerwähnt bleiben. An eine Alt- oder 2te Sopranparthie wäre noch zu denken. Im Uebrigen stimme ich mit Allem, was Sie wegen Behandlung des Textes, in metrischer Hinsicht, wie über die volksthümlich-altdeutsche Haltung, die dem Gedicht zu geben wäre, durchaus überein. So müßte, denke ich, auch die Musik sein, weniger kunstvoll, als durch Kürze und Kraft und Klarheit wirkend. – Verehrter Herr, wir sind im Begriff, etwas zu übernehmen, was wohl werth ist der Schweißtropfen. Muth gehört dazu, und auch Demuth. Haben Sie freundlichen Dank, daß Sie mir so willig entgegenkamen. Lassen Sie uns das große Werk mit aller Kraft ergreifen und daran festhalten.
Ihr
ergebener
R. Schumann.

Von Schriften, die nutzen könnten, wären vielleicht noch zu nennen:
1. Martin Luther; ein kirchengeschichtliches Lebensbild von Dr. Wildenhahn, 1851.
2. Luthers geistliche Lieder und Gedanken über die Musik, von neuem gesammelt etc. durch K. Grell, 1817.
3. Winterfelds Schrift über die Lutherschen Choräle.
Nr. 2 kann ich Ihnen von hier aus schicken. Wollen Sie nun meinen Plan mit dem Ihrigen vergleichen und mir dann eine ganz detaillirte Skizze des Ganzen schicken?
R. Sch.

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Pohl, Richard (1194)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
350ff.
 



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