19.12.2019

Briefe



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ID: 301 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 25.06.1851
 

Düsseldorf, den 25sten Juni 1851.
Geehrter Herr,
Mancherlei Arbeiten, neubegonnene wie ältere abzuschließende, haben mich in der letzten Zeit nicht dazu kommen laßen, meine Gedanken auf den einen, unsern Luthertext, zu concentriren, wie ich so gern gewünscht. Und es wird in der nächsten Zeit die Sammlung dazu noch ausbleiben, da ich mich augenblicklich in so verschiedener Sphäre herumtreibe. Zudem sehe ich nun, daß sich schriftlich ein solcher Plan, ein solches Werk nicht zu Ende führen läßt und baue denn auf Ihre Verheißung, daß Sie vielleicht noch diesen Herbst nach dem Rhein zu kommen möglich machen. Bringen Sie dann nur eine fertige Skizze mit, so kommen wir dann in einigen Stunden weiter, als sonst in Wochen.
Nur das Eine möchte ich Ihnen noch ans Herz legen, was mir immer klarer wird. Das Oratorium müßte ein durchaus volksthümliches werden, eines, das Bauer und Bürger verstünde – dem Helden nach, der ein so großer Volksmann war. Und in diesem Sinne würde ich mich auch bestreben, meine Musik zu halten, eindringlich, durch Rhythmus und Melodie vorzugsweise wirkend. Möchten Sie mir dann in diesem Sinne zur Hand bleiben, und bald mir mehr zu hören geben, wenn Sie eben noch nicht gleich kommen könnten.
Vielen Dank auch für die Gedichte, zu deren einem und dem andern sich vielleicht bald Musik einstellt. Die Gedichte für Dr. Müller werde ich sehr gern besorgen.
Nun noch eine Frage und Bitte. Mit fiel ein, daß manche Ballade mit leichter Mühe und guter Wirkung als Concert-Musikstück für Solostimmen, Chor u. Orchester zu behandeln wäre. Vor allem hab ich es auf des Sängers Fluch v. Uhland abgesehen. Aber es fehlt mir dazu ein Poët, der einige Stellen in die musikalische Form göße. Auf dem beifolgenden Blättchen, das in seiner Fassung freilich sehr Ihrer Nachsicht bedarf, habe ich ohngefähr angedeutet, wo das Original beibehalten, und, bei Nro. II u. bei dem Ensemble in Nro. III, wo es geändert werden müßte. Dabei wünschte ich freilich das Uhland’sche Metrum beibehalten, und wohl auch die Sprachweise einigermaßen der Uhlands angepaßt. Hätten Sie vielleicht einmal Zeit und Lust, an meine Bitte zu denken, wie dankbar würde ich Ihnen sein!
In jedem Fall hoffe ich recht bald wieder von Ihnen zu hören, und wie sich Ihre Pläne für den Herbst gestalten. Grüßen Sie Wenzel vielmal; ich mache ihn, wie auch Sie, auf ein Buch aufmerksam: Sämmtliche Dichtungen von Elisabeth Kulmann (6te Auflage) – eine wahre selige Insel, die im Chaos der Gegenwart emportaucht.
Ihr ergebener R. Sch.

[Beiblatt]
Nro. I Chor mit Solis.
Es stand in alten Zeiten – blühender Genoß.
Nro. II. Duettform (im Ganzen etwa 10 Zeilen)
Alter u. Jüngling.
Nun sei bereit – steinern Herz.
Nro. III.
Recitativ (Sopran)
Schon stehen – zum Ohre schwoll.
Ensemble.
Alter. Jüngling. König. Königin. Chor. (Breit auszuführen)
Nro. IV.
Recitativ.
Und wie vom Sturm zerstoben – Gärten gellt:
Nro. V. Harfner.
Weh Euch!
Nro. VI. Chor.
Der Alte hat’s gerufen – das ist des Sängers Fluch.

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Pohl, Richard (1194)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
369-372
 



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