25.02.2022

Briefe



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ID: 3050
Geschrieben am: Freitag 17.11.1854
 

Lieber, verehrter Meister!

Ein Tag, an dem ein Brief von Ihnen kam, wurde immer zu einem schönen für mich; und nun gar diesmal, wo nach so langer Zeit Ihre Güte mich mit einem beschenkt! Und mit welch liebem Brief, in dem Sie mir schreiben, daß Sie sich meiner und der mit mir verlebten Zeit oft erinnert haben. Was das für Freude war, das von Ihren so wohl gekannten Schriftzügen zu lesen. Soll ich Ihnen erzählen, wie oft ich Ihrer gedacht habe, wie oft ich von Ihnen musicirt habe mit Ihrer verehrten Clara, mit Johannes, mit meinen Kollegen vom Sonntags-Quartett!? Das denken Sie sich gewiß selbst; Sie müssen ja fühlen, was Sie, was Ihre Töne Ihren Freunden sind. Könnte ich Ihnen doch Ihr D moll Concert vorspielen; ich habe es jetzt besser inne, als damals in Hannover; wo ich es in der Probe Ihrer so unwürdig spielen mußte, zu meinem großen Verdruß, weil ich den Arm beim dirigiren so sehr ermüdet hatte. Jetzt klingt der ¾ Takt viel stattlicher. Wissen Sie noch, wie Sie lachten und sich freuten, als wir meinten, der letzte Satz klänge, wie wenn Kociusko mit Sobiesky eine Polonaise eröffneten: so stattlich? Das waren herrliche Tage! Daß auch meine Hamlet-Ouverture in Ihrem Andenken fortlebt, ist mir sehr wohlthuend; Ihre Symphatie entschädigt mich reichlich für alle andern Leute, die sie nicht mögen. Wie gern schickte ich Ihnen die Ouverturen zu Demetrius und Heinrich den IVten von Shakespeare, aber ich fürchte, daß das Partitur-Lesen aus einem geschriebenen Exemplar, und noch dazu von meiner oft durchstrichenen, schlechten Handschrift, mehr eine Arbeit als eine Erholung für Sie wäre, und Sie sollen sich noch ein wenig pflegen, damit Ihre Freunde Sie recht bald sehen. Ich will eine recht schöne Abschrift machen lassen, und wollen Sie meine Werke dann mit Ihrer Durchsicht ehren, so wird mich <daß> das sehr glücklich machen. Ihr Urtheil ist mir immer der edelste Lohn, wenn ich ein Stück fleißig und mit Liebe ersonnen. Die Ouverture zu Heinrich IV. ist nicht mehr so düster, aber ich fürchte, ein wenig lang und rauschend. Der ritterliche Percy und der brausende Königsohn, der sich nachher zu glorreicher Majestät aufschwingt, haben mich zu manchem Trompeten-Stoß verführt. Noch habe ich sie nicht gehört. Ihre liebe Frau kommt nächstens zu einem Hof-Concert nach Hannover, da will ich sie ihr zu Ehren spielen lassen. Neulich hat sie mir wunderschön die Variationen von Brahms über Ihr Fis moll-Thema vorgespielt. Die Tiefe der Composition und die wunderbaren harmonischen Schönheiten erfassen mich immer mehr, und wie freue ich mich, daß Ihr Lob mit meinem Urtheil darüber zusammenstimmt! Neulich hörte ich auch Ihr Es dur-Quintett wieder; es klang so romantisch, frisch – ach, hätten Sie doch mit zugehört! Hier wird oft von Ihnen musicirt, die Majestäten hören so gerne Ihre Compositionen und fragen immer, ob ich von Ihnen Nachricht und Briefe erhalten habe. Gewiß sind es diejenigen, die mit am öftesten Ihres Besuchs in Hannover gedenken – ich will bei dem Ministerium der inneren Angelegenheiten nachfragen, ob der Gruß eines Musikers (jedenfalls eine innige Angelegenheit) nicht Etiquette-widrig sei, da Sie mir aufgetragen haben, diejenigen zu grüßen, die sich Ihrer erinnern. Ich hätte aber sehr viel zu thun, wollte ich es an Alle bestellen! Und nun sage ich Ihnen für heute ein herzliches Lebewohl; ich habe Sie wohl zu lange schon mit meinem Schreiben beschäftigt. Darf ich bisweilen einen schriftlichen Gruß senden, so wird das sehr beglücken, verehrter und theuerer Meister,
Ihren
treu ergebenen
Joseph Joachim

Hannover, am 17ten Novbr 1854.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
146ff

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 26/2 Nr. 206
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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