19.12.2019

Briefe



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ID: 3079 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 19.02.1851
 

Hochzuverehrender Herr
vor einigen Jahren wurde ich zuerst mit den Erzeugnissen Ihres Genie bekannt und habe seitdem mir seitdem [sic] dieselben wiederholentlich vorspielen gelassen. Nicht mit Aufmerksamkeit allein, sondern mit Ehrfurcht bin ich dem immer glänzendern Entfalten Ihrer musikalischen Thätigkeit gefolgt; verschweige jedoch hier die Schilderung der einzelnen meiner Ansichten über Ihre Werke, da Sie Selbst nicht allein schöner, sondern auch reiner in denselben die Größe Ihres Genius erkennen werden. Indeß dem Gefühle der Verehrung Worte zu leihn, wünschte ich längst und ergreife mit Freude die Gelegenheit durch Uebersendung einiger Strophen, die sich die Anerkennung meiner Freunde erwarben. Ich erlaube ⎡mir⎤ sie herzusetzen.
Märchenbilder
1.
In der Jugend Zaubermärchen
Uns der Geister Thun erklären
Und wir jauchzen oder klagen,
Wenn wir ihren Wandel hören.
Dann im eignen Innern tönen
Uns noch unbekannte Klagen;
Aber unser früh verwöhntes
Ohr kann innern Klang nicht sagen.
2.
Bis ein Bild, wie Morgenröthe,
Aus der Schmerzennacht erstanden –
Traute, ruft der müde Streiter,
Deine Blicke lösen Banden,
die um Aug’ und Sinn gewoben,
Find an Deinem Herzen wieder
Meine Macht, in deinen Worten
Sanfte, schöne Märchenlieder!
Und in seinen Armen schwingend,
Um ein festes Band zu finden,
Laß der Liebe süße Worte;
Schmerzen müssen uns verbinden,
Unsre Liebe uns erzähle:
Zweier Geister fest Umschlingen,
Während Stürme sie umtoben,
Wie die Märchen es besingen!
3.
Doch er faßt sie mit Erbeben,
Reißt sie in den Tanz des Lebens;
Ängstlich greift sie nach dem Kranze
Auf dem Haupte; doch vergebens –
Flatternd fallen seine Blüthen –
Und wie in den alten Märchen,
Steigt die wilde Lust der Tänzer –
Selber sind sie sich ein Märchen –
4.
Und als in dem Arm der Ruhe
An dem Abend schlief das Leben,
Eilt er zu dem fernen Hause,
Das von Weingerank umgeben
Vor den hohen Stufen. Traute
Laß von allen Liebeswonnen
Dich umgaukeln in dem Traume,
Der wie Märchen sei gesponnen! –
Finale
Aber bleich an diese Stätte
Kam er schon nach wenig Tagen,
Um der Liebe süßem Zauber
Klagend Lebewohl zu sagen:
Schon des Frühroths blutge Flamme
Muß sich ernstem Kampfe weih’n;
Unser sinnig Liebeleben
Wird mein letztes Märchen sein –
–––––––
Ich dachte mir die Dichtung als Motiv zu einer Sonate und 1, als Allegro, 2 Adagio, 3, Scherzo, 4, Trio, Fin[ale] Allegro. Ich weiß nicht, ob dasselbe richtig gedacht ist; aber ich glaube, daß die Dichtung wohl eine Anregung zu einer musikalischen Schöpfung abgeben könne und würde mich freuen, Ihnen, hochzuverehrender Herr, mich damit genähert und Sie verehrend erwiesen zu haben. Manches Ähnliche könnte ich noch übersenden, wenn Sie geneigt sind meinen Arbeiten Ihre Aufmerksamkeit zu schenken.
Mit unbegrenzter Hochachtung
Ihr
ergebenster
Louis du Rieux
Berlin d. 19 Febr. 51.
Mittelstraße 45.

  Absender: Rieux, Louis du (1282)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (15143)
  Empfangsort: Düsseldorf
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
142ff
 



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